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18. Oktober 2017, von Michael Schöfer
Medienschelte nicht völlig unberechtigt


Die Medien bekommen oft vorgeworfen, sie würden zu häufig über Personen und zu wenig über Sachfragen berichten. Bundesfamilienministerin Katarina Barley beklagte kurz nach der Bundestagswahl den eng begrenzten Fokus der Medien. In der Sendung "Hart aber fair" vom 25. September 2017 sagte sie: "Wenn man dreieinhalb Jahre lang nur über Personen, Prozente und Koalitionsoptionen schreibt, zum Teil drei Jahre vor der nächsten Wahl. Ich hab' das als Generalsekretärin ja 'ne ganze Weile mitgemacht, ich habe ohne Ende Interviews geführt, wo keine einzige inhaltliche Frage gestellt wurde, über Monate hinweg." [1] Die Medien hätten also allen Anlass, ihr eigenes Handeln selbstkritisch zu prüfen. Doch anscheinend unterbleibt das.

Die Koalitionsverhandlungen haben noch nicht einmal richtig begonnen, da kann man nämlich auf tagesschau.de bereits das nächste Kabinett Merkel zusammenstellen. "Interaktiv: Kabinett-O-Mat", nennt sich das Ganze. In der Mitte stehen die einzelnen Ressorts, vom Kanzleramt bis zum Entwicklungshilfeministerium, rechts bekommt man von CDU, CSU, FDP und Grünen eine Auswahl von Spitzenpolitikern angeboten. [2] Die Plätze sind nach eigenem Gusto besetzbar. Alle Ministerien an die Grünen? Null Problemo! Selbst Philipp Rösler, ehedem als FDP-Vorsitzender und Vizekanzler für das Debakel seiner Partei bei der Bundestagswahl 2013 mitverantwortlich, steht zur Auswahl. Ob das wirklich Sinn macht, steht auf einem anderen Blatt. Sogar dem parteilosen Jens Weidmann, bis dato Bundesbankpräsident, kann man einen Kabinettsposten zuschanzen. Ein Geheimtipp für das Landwirtschaftsministerium? Wohl kaum. Nur die Kanzlerin kann man nicht austauschen, die steht mit Angela Merkel bereits fest. Jedenfalls für die ARD.

Ich habe mich beim federführenden Bayerischen Rundfunk per E-Mail darüber beschwert, dass der Fokus schon wieder auf die Besetzung von Ämtern gelenkt wird. Wäre es nicht ratsam, zuerst die Sachfragen abzuarbeiten? Obendrein sei ja höchst ungewiss, ob es überhaupt zu einer Jamaika-Koalition kommt. Man könne tatsächlich über die Personalisierung von Politik diskutieren und dabei die Rolle der Medien hinterfragen, antwortete der BR. "Allerdings sind wir auch der Meinung, dass es für viele Menschen nicht unerheblich ist, wer sie denn da in der Bundesregierung vertritt. Unser Kabinett-O-Mat soll ein spielerischer Zugang zu den aktuellen Koalitionsverhandlungen sein - nicht mehr und nicht weniger." Es würden sich andernorts zahlreiche Berichte über Sachfragen finden.

Die Kritik von Katarina Barley bei Frank Plasberg war offenbar nicht unberechtigt. Zu diesem frühen Zeitpunkt über die Besetzung von Ministerposten zu spekulieren, wenngleich angeblich spielerisch, ist m.E. totaler Humbug. Welcher Redakteur kam denn auf diese dämliche Idee? Das Allerschwerste an den Koalitionsverhandlungen sind zweifellos die unterschiedlichen Standpunkte der beteiligten Parteien. Dagegen sind die Personalien doch ein Klacks. Hoffentlich wird nun nicht wieder monatelang über Personalien spekuliert, denn die Inhalte, über die die Koalitionäre in spe streiten werden, sind viel interessanter. Ich glaube, auf den Koalitionsvertrag ist die gesamte Republik gespannt.

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[1] ARD Mediathek, Hart aber fair, Die gerupfte Kanzlerin - wie regieren nach dem Debakel der Volksparteien? Sendung vom 25.09.2017, ab Min. 20:40, Video verfügbar bis 25.09.2018
[2] tagesschau.de vom 18.10.2017