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19. November 2017, von Michael Schöfer
Das Kreuz mit der Lebenserwartung


Was die Wissenschaft heutzutage alles herausfindet… Gerade in Bezug auf die Lebenserwartung gibt es ja inzwischen eine unendliche Fülle nützlicher Tipps, die weit über das banale "nicht rauchen" oder "nicht trinken" hinausgehen. Angeblich leben Kaffeetrinker länger. Warum? Weiß man nicht so genau. Aber auch Hundebesitzer sollen deutlich älter werden. Klar, mit Hunden muss man öfter Gassi gehen. Dass allerdings bei Besitzern reinrassiger Hunde ein geringeres Sterberisiko festgestellt wurde, irritiert. Gassi gehen muss man schließlich mit allen, sogar mit einer Promenadenmischung. Stand aber genau so in der Bild-Zeitung, dem für gewöhnlich zuverlässigsten Blatt unter dem Himmel.

Verheiratete sollen ebenfalls länger leben. Klar, mit Frauen muss man öfter Gassi… äh… tanzen gehen. Okay, einigen wir uns auf: Verheiratete haben mehr Bewegung. Irgendwie, irgendwo. Nicht zu verwechseln mit: Ein bewegtes Leben. Beziehungen können bekanntlich furchtbar langweilig sein. Glückliche Menschen leben definitiv länger, das hatte bereits Ende der siebziger Jahre die Pop-Gruppe Abba herausgefunden: Lovers live a little longer! Aber ob Verheiratete wirklich glücklicher sind? Liebe und Ehe sind ja zwei Paar Stiefel. Kurios: Mollige leben länger als Schlanke, obwohl Letztere gesünder leben. Die höchste Lebenserwartung hat man nämlich bei Menschen mit einem Body Mass Index (BMI) von 27 festgestellt. Also her mit der Schokolade...

Sogar Religiöse sollen länger leben. Aber nicht, weil irgendein Gott seine schützende Hand über sie hält, sondern weil sie gelassener sind und deshalb weniger Stress haben. Ob eine Religion besser schützt als die andere (analog zu den reinrassigen Hunden)? Motto: "Nur der wahre Glaube hilft." Doch was ist der wahre Glaube? Darüber wird seit langem heftig gestritten, was wiederum die Lebenserwartung verringert. Wenn es um die Lebenserwartung geht, sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Bücherwürmer leben länger als Literaturabstinenzler, behauptet jedenfalls eine eine Langzeitstudie der Yale-Universität. Die Art des Lesestoffs, Sachbücher, Krimis, historische Romane etc., soll keine Rolle spielen. Dennoch komisch, weil Leser naturgemäß meist Couch-Potatos sind und daher unter den negativen Folgen der Bewegungsarmut leiden. Andererseits ist es einem höheren BMI dienlich. Reiche leben ohne Zweifel länger als Arme, was aber zumindest in meinem Fall die Lottogesellschaft trotz heftigen Flehens nicht erweichen konnte. Dass Totgesagte länger leben, ist freilich nur eine Redewendung, wissenschaftlich bewiesen hat das noch niemand.

Für mich ist das alles ziemlich verwirrend, weil sich die Ratschläge teilweise widersprechen. Noch verwirrender wird die Sache, wenn wir uns unter den echten Methusalems umschauen. Die Französin Jeanne Calment war laut Wikipedia bislang der älteste Mensch, sie starb im hohen Alter von 122 Jahren. Calment fuhr zwar noch als 100-Jährige Fahrrad, aber sie hat auch das Rauchen erst mit 119 aufgeben, dem Portwein sei sie ebenfalls nicht abgeneigt gewesen. So viel zu "nicht rauchen" und von wegen "nicht trinken". Ich denke, wir sollten so leben, wie es uns gefällt. Die Anzahl der Jahre allein ist dabei unwichtig. Mir persönlich gefällt ja das Klischee des rauchenden und saufenden Schriftstellers, der zahlreiche Frauen-Affären hat und ganz nebenbei auch noch den Literaturnobelpreis absahnt, am allerbesten. Umgeben von benutzten Rotweingläser und vollen Aschenbechern arbeitet er sich mühsam und in Erinnerungen schwelgend an seiner Reiseschreibmaschine ab. Im Papierkorb liegen die verworfenen Manuskripte des nächsten Bestsellers. Wie Ernest Hemingway zum Beispiel, wobei man das dramatische Ende mit der Schrotflinte diesmal vielleicht weglassen könnte. Verkürzt bloß die Lebenserwartung.

Wie bitte? Ja, ja, ich komme schon! Liebe Leserinnen und Leser, mir wurde gerade gesagt, dass ich mit dem Hund Gassi gehen muss. Das ist ein gutes Zeichen, denn - siehe oben - Sie werden hier wohl noch länger von mir lesen.