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24. November 2017, von Michael Schöfer
Schlag nach bei Shakespeare


"O schwöre nicht beim Mond, dem wandelbaren, der immerfort in seiner Scheibe wechselt, damit nicht wandelbar dein Lieben sei!" William Shakespeare, die berühmte Balkonszene aus Romeo & Julia. Heute müssen die Menschen nur noch selten schwören, dafür werden sie zu allem und jedem befragt. Und ähnlich wie beim Mond, dem wandelbaren, antworten sie ständig etwas anderes.

Die Bundestagswahl hat den an der Großen Koalition beteiligten Parteien herbe Verluste beschert. Die GroKo wurde eindeutig abgewählt. Kurz nach dem Wahlabend sagten 59 Prozent der Bürger, sie fänden ein Bündnis von Union, FDP und Grünen gut, lediglich 23 Prozent sprachen sich für eine Fortsetzung der Großen Koalition aus. [1] So weit, so folgerichtig.

Doch nun, nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungsgespräche, finden plötzlich 48 Prozent die Große Koalition gar nicht so schlecht. Mehr als doppelt so viele wie zwei Monate zuvor. Die am 24. September abgewählte GroKo kommt in der Gunst der Bürger immerhin schon auf den zweiten Platz - knapp hinter Neuwahlen, die 51 Prozent befürworten. [2] Kurioserweise würden Neuwahlen aber nach dem derzeitigen Stand das Wahlergebnis vom September mit nur geringen Abweichungen bestätigen. Hier kündigt sich wahrlich eine Tragödie von Shakespearschen Ausmaßen an. GroKo nein, GroKo ja, GroKo nein... Frage an die Wählerinnen und Wähler: Wisst Ihr eigentlich, was Ihr wollt?

Wir wissen wenigstens, wie die unglückselige Liaison von Romeo & Julia endete. Romeo vergiftete sich, weil er annahm, Julia wäre gestorben. Anschließend hat sich Julia angesichts des Todes von Romeo erdolcht. Für Martin Schulz (alias Romeo) könnte die Fortsetzung der GroKo in der Tat tödlich enden. Und zwar dann, wenn die SPD in vier Jahren auf unter 20 Prozent absackt. Angela Merkel (alias Julia) wird sich wohl kaum erdolchen, zumindest nicht wegen Martin Schulz. Aber dass ihre Regierung scheintot ist, daran besteht kein Zweifel. Niemand verbindet mit ihr irgendeine Vision, wie sie das Land voranbringen möchte. Gewiss, im Ankündigen ist sie groß (z.B. in puncto Dekarbonisierung), doch in der Praxis tut sie oft das Gegenteil. Ihr einziges Ziel ist offenbar das Weiterregieren. Als Selbstzweck.

Union und SPD sind zwar nicht so verfeindet wie die Montagues und die Capulets, dennoch ist eine allzu enge Verbindung der beiden schädlich für die Demokratie. Die GroKo stärkt bloß die Parteien an den Rändern des politischen Spektrums. Der AfD kann gar nichts Besseres passieren. Es ist vorhersehbar: Falls die AfD mal regiert, werden sich die meisten nach den Montagues und Capulets zurücksehnen.

Übrigens findet man bei Shakespeare durchaus noch mehr Hinweise auf die aktuelle Situation, denn einige seiner Werke heißen: "Der Widerspenstigen Zähmung" (bei Jamaika bekanntlich misslungen), "Viel Lärm um nichts" (Bilanz nach 12 Jahren Merkel), "Wie es euch gefällt" (das Kungeln mit der Auto- und der Kohleindustrie), "Die Komödie der Irrungen" (Merkels abservierte Parteifreunde) und "Verlorene Liebesmüh" (die verschlissenen Kanzlerkandidaten der SPD). Richtig interessant, weil intrigant bis in die Haarspitzen, wird’s freilich erst bei "Hamlet" (Machtkampf innerhalb der CSU) und bei "King Lear" (Zustand der CDU nach dem Rücktritt Merkels). Nur die "GroKo" findet sich nicht unter Shakespeares Werken. Und mir wäre es recht, man würde sie auch in Berlin nicht mehr finden.

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[1] Forschungsgruppe Wahlen, Politbarometer vom 29.09.2017
[2] Forschungsgruppe Wahlen, Politbarometer-Extra zum Scheitern von Jamaika vom 20.11.2017