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30. November 2017, von Michael Schöfer
Aussagen Düzen Tekkals bestätigt


Was war das für eine Aufregung, als die Journalistin Düzen Tekkal Anfang des Jahres in der Talk-Show "Anne Will" den Mannheimer Stadtteil "Neckarstadt-West" als "No-Go-Area" bezeichnete. Alle dementierten: Die Polizei, die Stadtverwaltung, die hiesige Lokalpresse. Wie kann man nur das wunderschöne Mannheim so schlechtreden, und das auch noch in aller Öffentlichkeit. Angst vor Kriminalität? Angst, bestimmte Gegenden zu betreten? Ah geh… In Berlin-Neukölln vielleicht oder in Duisburg-Marxloh, aber doch nicht hier, in der stolzen Arbeiterstadt. [1]

Und jetzt? Eine neue Befragung über das subjektive Sicherheitsgefühl hat die Aussagen Tekkals bestätigt. Nach einer Studie des Instituts für Kriminologie der Uni Heidelberg hatten im vergangenen Jahr 29 Prozent der Befragten Angst, selbst Opfer einer Straftat zu werden. 2012 waren es lediglich 18 Prozent. Das Unsicherheitsgefühl ist somit erheblich gewachsen. Rund ein Drittel meidet bestimmte Gegenden, weil die Befragten diese für gefährlich halten. Und an der Spitze des Unsicherheitsgefühls steht: die Neckarstadt-West. [2] Für unvoreingenommene Beobachter ist das wenig überraschend. Das verblüfft nur die, die ihr eigenes Wunschdenken für bare Münze genommen haben.

Das, was ich dazu im Januar 2017 geschrieben habe, gilt nach wie vor: Die "Neckarstadt-West" war schon von jeher ein Problemgebiet, aber die strukturellen Änderungen der vergangenen Jahre haben die Situation dort eher noch verschärft. Von daher ist die Entrüstung über Düzen Tekkals Äußerung absolut unverständlich. Es soll gar nicht darum gehen, einen ganzen Stadtteil zu stigmatisieren, es ist freilich auch wenig hilfreich, die Lage zu beschönigen. Drumherum reden ist meines Erachtens schädlich, weil die Probleme dadurch unter den Teppich gekehrt werden. Nur dann, wenn man die Probleme schonungslos benennt, kann sich etwas zum Positiven ändern. [3]

Eigentlich wäre es jetzt angebracht, dass sich einige bei Frau Tekkal entschuldigen, denn sie hatte recht und ihre Kritiker hatten unrecht. Aber ein aufrichtiges "Sorry" kommt wohl den wenigsten über die Lippen. Dabei ist irren menschlich, keiner bricht sich einen Zacken aus der Krone, wenn er Fehler zugibt. Im Gegenteil, in meinen Augen ist das ein Zeichen von Glaubwürdigkeit, Stärke und Souveränität.

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[1] Mannheimer Morgen vom 18.01.2017
[2] Mannheimer Morgen vom 30.11.2017
[3] Helle Aufregung in Mannheim vom 18.01.2017