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03. Dezember 2017, von Michael Schöfer
Traditionen stehen oft der Vernunft im Weg


Keine Angst, meine Website wird nicht auf Boulevard-Niveau herabsinken, dennoch soll es jetzt zur Abwechslung einmal um das japanische Kaiserhaus gehen. Eine Vorbemerkung sei mir aber gestattet: Ich bin grundsätzlich dagegen, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft Privilegien genießen. Adlige sind Menschen wie du und ich, sie sind per se weder besser noch schlechter als der Durchschnittsbürger. Ihre Privilegien verschaffen ihnen allerdings bessere Startchancen, etwa weil sie häufig von Geburt an vermögend sind und über gute Kontakte (vulgo: Vitamin B) verfügen.

Wie dem auch sei, jedenfalls wird der aktuelle Tenno am 1. Mai 2019 abdanken, auf Kaiser Akihito wird dann Kronprinz Naruhito folgen. Masako, seine Frau, soll angeblich seit langem unter dem starren höfischen Protokoll leiden. Traditionalisten werfen ihr obendrein vor, nur eine Tochter geboren zu haben (bislang gilt in Japan die patrilineare Thronfolge). "Das hat den Druck auf die 53-jährige Kronprinzessin noch erhöht", schreibt die Süddeutsche. [1] Warum eigentlich den Druck auf Masako? Muss man an dieser Stelle wirklich die Gesetze der Genetik erläutern? Offenbar.

Menschen besitzen zwei unterschiedliche Geschlechts-Chromosomen: Das X-Chromosom und das Y-Chromosom. Körperzellen von Frauen haben zwei X-Chromosomen, die von Männern hingegen ein X- und ein Y-Chromosom. Eizellen und Spermien enthalten jeweils nur die Hälfte des Chromosomensatzes, die Eizelle der Frau also stets ein X-Chromosom, die Spermien der Männer indes zu 50 Prozent ein X- und zu 50 Prozent ein Y-Chromosom. Vereinigt sich ein X-Chromosom-Spermium mit der Eizelle, entwickelt sich daraus eine Frau (XX), vereinigt sich ein Y-Chromosom-Spermium mit der Eizelle, entwickelt sich daraus ein Mann (XY).

Mit anderen Worten: Dafür, ob aus dem Fötus eine Frau oder ein Mann wird, ist ausschließlich der Mann verantwortlich, denn seine Spermien (X oder Y) bestimmen das Geschlecht des Kindes. Die Frau kann das Geschlecht gar nicht beeinflussen, denn ihre Eizellen tragen ausnahmslos ein X-Chromosom. Folglich sind die Vorwürfe an die Adresse der japanischen Kronprinzessin von frappierender Unkenntnis geprägt. Das zeigt abermals, dass Traditionen allzu oft jeder rationalen Grundlage entbehren und einer modernen, auf Vernunft basierenden Gesellschaft entgegenstehen.

Allerdings wären Vorwürfe an die Adresse von Kronprinz Naruhito genauso falsch: Erstens können Männer das Geschlecht zwar biologisch entscheiden, aber sie können die Befruchtung beim Geschlechtsakt nicht bewusst beeinflussen. Und zweitens sollten die Tage der Zurücksetzung von Frauen eigentlich vorbei sein. Vielmehr hat zu gelten: Alle Menschen haben die gleichen Rechte bzw. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Würde man das beherzigen, käme der Adel endlich von seinem hohen Ross herunter, denn viele "Blaublütige" scheinen tatsächlich zu glauben, sie seien etwas Besseres und würden ihre Privilegien zu Recht genießen. Außerdem wären Frauen nicht mehr benachteiligt. Dabei geht es gar nicht um solche Lappalien wie die Thronfolge, sondern beispielsweise beim "gemeinen Volk" um gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

Apropos: Beim Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums, der jährlich den sozialen Unterschied zwischen den Geschlechtern in den Bereichen Wirtschaft, Bildung, Politik und Gesundheit untersucht, rangiert Japan derzeit nur auf Platz 114 - wesentlich schlechter als Deutschland auf Platz 12. [2] Selbst Kronprinzessin Masako, obgleich privilegiert, leidet unter der Zurücksetzung von Frauen. Aber die japanische Durchschnittsfrau offenkundig noch viel, viel mehr. Für ein modernes Land ist das beschämend. Ach, wenn doch die Frauen endlich weltweit die volksverdummenden Zeitschriften der Yellow Press in den Papierkorb werfen würden. Frauen stellen fast überall die Mehrheit, werden freilich fast überall marginalisiert. Zumindest in Demokratien ließe sich das durch ein anderes Wahlverhalten ändern. Leider werden diese Möglichkeiten nicht konsequent genutzt, in den USA haben zum Beispiel 2016 immerhin 42 Prozent der Wählerinnen den vulgären Frauenverächter Donald Trump gewählt ("Grab them by the pussy. You can do anything."). Wir brauchen uns wirklich nicht zu wundern, wenn die Welt so ist, wie sie gegenwärtig ist.

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[1] Süddeutsche vom 01.12.2017
[2] World Economic Forum, The Global Gender Gap Report 2017, PDF-Datei mit 11,2 MB