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06. Dezember 2017, von Michael Schöfer
Hurra, ein Leben ohne Arbeit

Nach einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey könnte durch Künstliche Intelligenz bis 2030 ein Viertel der dann voraussichtlich geleisteten Arbeitsstunden wegfallen, das würde hierzulande 12 Millionen Jobs bedeuten. Die alles entscheidende Frage ist, ob bis dahin genug andere Arbeitsplätze entstehen, um den prognostizierten Wegfall zu kompensieren. Schon allein von daher ist es besorgniserregend, dass in Deutschland die Viertklässler in puncto Lesekompetenz schlechter geworden sind. Künftige Arbeitsplätze werden nämlich fast nur noch hochqualifizierte Arbeitskräfte erfordern.

Die Gesellschaft muss sich trotzdem damit abfinden, dass ein Gutteil der Jobs auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Und bekanntlich hat nicht jeder das Talent zum Informatiker. Doch was machen wir mit 12 Millionen Menschen, die keinen Zugang zum Arbeitsmarkt haben? Angesichts der Dynamik der Entwicklung wird die Automatisierung sicherlich auch nach 2030 weitere Jobs überflüssig machen. Vegetieren dann zig Millionen am Rande des Existenzminimums dahin? Solche Verwerfungen würde unsere Gesellschaft kaum verkraften.

Der Mensch ist ungemein habgierig und die Ausbeutung des Menschen durch seinesgleichen leider die Regel. Das wird sinnvolle Gegenmaßnahmen verzögern oder sogar verhindern. Doch wenn wir nicht umsteuern, mündet das Ganze wohl unabwendbar in eine gesellschaftliche Explosion. Im Kino gab es ja bereits genug Dystopien zu sehen. Vorsicht, sie könnten wahr werden.

Andererseits ist ein arbeitsames Leben keineswegs erstrebenswert. Dass der Mensch in der Arbeit seinen Sinn sucht bzw. findet, habe ich schon von jeher für Humbug gehalten. Das hat man den Leuten bloß eingeredet. Arbeit als Selbstzweck. Leben, um zu arbeiten, anstatt arbeiten, um zu leben. Pah, die antiken Philosophen hätten sich über diese Ansicht gewiss köstlich amüsiert. Das Gegenteil ist richtig, unendlich viel Zeit für seine privaten Interessen zu haben, kommt dem Paradies auf Erden schon ziemlich nahe. Das notwendige Kleingeld zur Existenzsicherung natürlich vorausgesetzt.

Der Journalist und Buchautor Rainer Schmitz glaubt etwa, dass ein eifriger Leser in seinem gesamten Leben ungefähr 4.000 bis 5.000 Bücher lesen kann. Ein sehr anspruchsvolles Pensum - zumindest wenn man tagsüber arbeiten muss. Ich darf gar nicht an meine vergleichsweise bescheidene Lesefrequenz denken… Ohne Arbeit wäre das aber durchaus zu bewältigen. Passt auf, Werke der Weltliteratur, ich komme!

Von mir aus können Computer und Roboter die ganze Arbeit übernehmen, ich habe überhaupt nichts dagegen. Arbeit ist Zwang, keine Selbstverwirklichung. Nur noch das tun, worauf man wirklich Lust hat, wäre eine epochale Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft. Wir brauchen bloß die sich uns durch die Automatisierung bietende Gelegenheit am Schopf zu packen und diesen lange gehegten Menschheitstraum endlich umzusetzen. Heute vertreten ja noch viele die Meinung: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Warum eigentlich? Die intelligente Technik macht's möglich: Wer isst, braucht dafür nicht einmal zu arbeiten. Wir müssen es nur richtig anpacken.