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13. Dezember 2017, von Michael Schöfer
Dreiste Rosinenpickerei


Gewiss, man kann sich darüber streiten, ob die Bürgerversicherung wirklich das Gelbe vom Ei ist. Manche behaupten ja, die Ärzte seien auf die höhere Vergütung der Privatpatienten angewiesen. Außerdem könnten sich Besserverdienende selbst nach Einführung der Bürgerversicherung durch private Zusatzversicherungen bessere Leistungen erkaufen.

Doch da ist viel Heuchelei unterwegs. Vom Grundsatz her ist die Bürgerversicherung sicherlich lobenswert: Alle zahlen, alle sind Mitglied und alle erhalten die gleichen Leistungen. Private Zusatzversicherungen kann man natürlich nie verhindern - bloß eben mit dem Unterschied, dass die Versicherten dafür auch zusätzlich zahlen müssen. Anders als jetzt, denn die Private Krankenversicherung (PKV) ist zumindest in jungen Jahren günstiger als die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV).

Ganz Schlaue, die die Bürgerversicherung ablehnen und lieber beim bisherigen System bleiben wollen, plädieren jedoch dafür, älteren Privatversicherten die Rückkehr zur GKV zu ermöglichen, denn im Alter zahlt man in der PKV einen spürbar höheren Beitrag. Doch diese Rosinenpickerei ist dreist. Erst sollen sich die Besserverdienenden von der Solidargemeinschaft verabschieden und möglicherweise sogar über Jahrzehnte hinweg die günstigeren Beiträge der PKV genießen dürfen - aber wenn ihnen später die Beiträge der PKV richtig weh tun, wieder in die Solidargemeinschaft zurückkehren dürfen, um sich von den zuvor verschmähten gesetzlich Versicherten aushalten zu lassen. So kann es nun auch nicht gehen. Das heißt: Einmal PKV, immer PKV. Die Rückkehr zur GKV ist ausnahmslos zu verbieten.

Leider sah das Bundestagswahlprogramm der SPD genau das Gegenteil vor, darin stand nämlich: "Bisher Privatversicherte können wählen, ob sie in die Bürgerversicherung wechseln möchten." Diese Wahlfreiheit ist inkonsequent, weil sie die Tür zur Rosinenpickerei sperrangelweit öffnet. Jeder kann sich doch leicht ausmalen, dass daraufhin viele Ältere von der PKV zur GKV strömen würden. Wer sich gegen die Solidargemeinschaft entscheidet, soll ihr bitte auch dann fernbleiben, wenn er sie wieder braucht. Lücken, die bislang die Rückkehr von der PKV zur GKV ermöglichen, sind zu schließen. Nur so wird ein Schuh draus!