Home | Archiv | Leserbriefe | Links | Impressum



29. November 2017, von Michael Schöfer
Nordkoreaexperten tappen im Dunkeln


Genaugenommen wissen die sogenannten Experten ziemlich wenig. Ein Beispiel: Der Münchner Raketenexperte Markus Schiller hielt noch im April 2017 das Atomwaffenpotenzial von Nordkorea für überschätzt. Das Land brauche "noch viele Jahre für die Entwicklung einer vollwertigen Interkontinentalrakete mit einer Reichweite bis zur US-Westküste. 'Eine ernsthafte Waffenrakete dürfte noch zehn Jahre dauern, vielleicht länger, abhängig davon, wie viel Arbeit sie tatsächlich hineinstecken', sagt der Ingenieur. 'Auch nach der jüngsten Militärparade bin ich nicht beunruhigt.'" So stand es im April 2017 (!) auf der Website einer großen deutschen Tageszeitung (Die Welt-Online).

Nun werden alle eines Besseren belehrt: Kim Jong-un hat eine Interkontinentalrakete getestet, die mehr als 10.000 Kilometer weit fliegen und daher große Teile des amerikanischen Festlandes erreichen kann. Dennoch wird abermals abgewiegelt: "Nordkorea hat bisher weder demonstriert, dass es den Wiedereintritt einer Rakete in die Atmosphäre kontrollieren kann, noch, dass seine Raketen ein Ziel treffen können. 'Bisher haben die Nordkoreaner nur gezeigt, dass sie den Pazifik treffen können', sagte der amerikanische Raketenexperte Lance Gatling jüngst in Tokio." (SZ-Online vom 29.11.2017)

Oft heißt es auch, das nordkoreanische Regime wolle nur überleben, Diktator Kim Jong-un sei weder lebensmüde noch verrückt. Nordkorea wolle lediglich als Atommacht anerkannt werden. Doch was weiß man überhaupt von Kim Jong-un? Eigentlich wenig. Immerhin das: Der 33-Jährige wurde von Kindesbeinen an durch einen bizarren Persönlichkeitskult und eine politische Kultur, die keinerlei Widerspruch duldet, geprägt. Wer so aufwächst, hat - um es vorsichtig zu formulieren - einen speziellen Zugang zur Realität.

Man muss leider feststellen: Die Lage ist offenkundig ziemlich ernst. Viel ernster, als wir bislang glaubten. Und die Experten haben sich bereits mehrfach in der Einschätzung des Regimes in Pjöngjang getäuscht. Alles in allem eine recht ungesunde Mischung.