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27. November 2017, von Michael Schöfer
Ich bin Christian Schmidt dankbar


Schon wieder die CSU. Die Christsozialen pflegen einen Politikstil, den man äußerst wohlwollend gerade noch als pubertäre Rüpelhaftigkeit durchgehen lassen könnte. Doch wer betrachtet die CSU noch wohlwollend? Das fällt mit jedem Tag schwerer. Schwerer als ohnehin.

Die Zustimmung von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt zur Verlängerung der Zulassung von Glyphosat ist ebenso dreist wie dumm. Dreist, weil er offenbar glaubt, sich das leisten zu können. Mia san mia - die bayerische Arroganz und Ignoranz. Er entscheide sachorientiert, behauptet Schmidt, hat aber geflissentlich übersehen, dass die Geschäftsordnung der Bundesregierung eine Enthaltung vorgeschrieben hätte. Die Zweifel an Glyphosat und an Studien über das Pflanzenschutzmittel mögen ihm unbeachtlich erscheinen, Narrenfreiheit genießt er dadurch jedoch nicht.

Sein Handeln ist obendrein dumm, weil er die äußerst labile Regierungsbildungsphase massiv gestört hat - es kam quasi einem Seitensprung vor dem Heiratsantrag gleich. Hat er die letzten Wochen verschlafen und nichts von der heiklen politischen Lage mitbekommen? Was soll eigentlich die SPD von einer Partei halten, die sich vor allem durch Provokationen und Wortbrüche hervortut? Erwartet die CSU etwa, dass die SPD vor Freude in die Luft springt und es gar nicht erwarten kann, mit ihr zu koalieren? Mit einer CSU, der sie keine fünf Millimeter weit trauen kann? Sind die in Bayern wirklich so deppert? Fassungslosigkeit macht sich breit. Die naheliegende Frage ist, ob Angela Merkel den Wortbruch gebilligt oder ihren Laden einfach nicht mehr im Griff hat.

Dennoch bin ich Christian Schmidt dankbar. Er hat nämlich gezeigt, was die SPD erwartet, wenn sie abermals in eine GroKo einwilligt: Sie wird von der Union filetiert und kann ihre Einzelteile nach der nächsten Bundestagswahl einsammeln. Falls die Wählerinnen und Wähler den Sozialdemokraten überhaupt noch etwas zum Einsammeln übrig lassen. Ist die SPD blind? Kapiert sie nicht, dass die Union sie bloß über den Tisch ziehen will? Man mag es kaum glauben, aber es scheint so zu sein.