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20. November 2017, von Michael Schöfer
Mehr Fragen als Antworten

Sinkende Arbeitslosigkeit, riesige Außenhandelsüberschüsse, positive öffentliche Haushalte, sprudelnde Steuereinnahmen, die Wirtschaft wächst stärker als in den vergangenen Jahren - wenn das eine Krise ist, würden sich andere gerne eine Krise wünschen. Natürlich gibt es auch Schattenseiten: Nach wie vor wächst die Kluft zwischen Arm und Reich, die Mieten steigen rasant und in puncto Umwelt sind wir schon lange kein Vorreiter mehr. Dennoch, das Land ist so stabil wie selten zuvor. Die Krise findet vor allem in unseren Köpfen statt. In Wahrheit ist es bloß eine Krise des politischen Personals. Schlimm genug, aber beileibe kein Weltuntergang.

Nach ihrem Ausstieg aus der Jamaika-Sondierung hat die FDP eindeutig den Schwarzen Peter. "Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren", rechtfertigt sich Parteichef Christian Lindner. Doch das ist unzutreffend, denn es wird ja regiert. Immer, zu jeder Zeit. Gegenwärtig beispielsweise von einer geschäftsführenden Bundesregierung. Eben bloß nicht unter Beteiligung der Liberalen. Der Bundestag ist durchaus in der Lage, Gesetze zu beschließen. Sogar vor der Kanzlerwahl. Und bei einer denkbaren Minderheitsregierung genauso. Wer nach Neuwahlen regiert, ist unsicher, denn dabei müsste erst einmal ein anderes Ergebnis als am 24. September herausspringen. Was passiert eigentlich, wenn sich an den Mehrheitsverhältnissen nichts grundlegend ändert? Sondierungen à la "Und täglich grüßt das Murmeltier"? Ständig neu wählen lassen, scheidet sicherlich aus.

Außerdem: Geht jetzt in der CSU der Machtkampf zwischen Seehofer und Söder weiter? Nehmen wir an, es gäbe im ersten Quartal 2018 Bundestagswahlen. Im Herbst sind in Bayern bekanntlich Landtagswahlen. Glaubt jemand, die Lage für die CSU wäre ein halbes Jahr davor einfacher als heute? Kaum anzunehmen. Union und Grüne machen gerade so, als habe die FDP die beiden kurz vor dem Vollzug der Ehe kalt abgeduscht. Hat es die Torpedos von Alexander Dobrindt gegen die Grünen etwa nie gegeben? Selbst Merkel und Seehofer liegen sich wieder in den Armen. Ist der Zwist, der bis an die Grenze des Erträglichen ging, schon vergessen?

Im Moment wird in Berlin viel gepokert. Wer die hohe Kunst der Schauspielerei am besten beherrscht, hat gute Chancen auf den Hauptgewinn. Ich lehne mich jedenfalls genüsslich zurück, um mir in aller Ruhe das grandiose Schauspiel anzusehen: Ausgerechnet die FDP prinzipientreu, die Grünen patriotisch und Seehofer berechenbar. Wirklich toll gespielt. Und Merkel? Nun, die ist wie immer: rätselhaft wie die Sphinx.