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18. November 2017, von Michael Schöfer
Die Gesellschaft legt offenbar den Rückwärtsgang ein


Im September 2017 ist der Playboy-Gründer Hugh Hefner gestorben. Er galt zwar als Fossil einer längst untergegangenen Epoche sexueller Freizügigkeit, dennoch veröffentlichten die Medien überwiegend wohlwollende Nachrufe. Im Oktober 2017 wurde bekannt, dass der Filmproduzent Harvey Weinstein zahlreiche Frauen aus der Filmbranche sexuell belästigt haben soll. Und seitdem schlägt das Pendel mit Wucht zurück. Libertinage wird nicht mehr insgeheim neidvoll bewundert, sondern ist binnen kurzem zum Schimpfwort mutiert. Vor allem in den USA, die sich ohnehin gerne einen puritanischen Anstrich verleihen. Seit Bill Clinton wissen wir ja: Oralverkehr ist kein Sex!

Bill O'Neill, Richter am Obersten Gericht in Ohio und Kandidat für den dortigen Gouverneursposten, hat auf seinem Facebook-Account offenherzig bekundet: "In den letzten 50 Jahren hatte ich sexuelle Beziehungen zu etwa 50 sehr attraktiven Frauen." Laut Spiegel-Online fügte er hinzu: "Es reichte von einer umwerfenden persönlichen Assistentin von Senator Bob Taft (senior), die meine erste wahre Liebe war, und wir machten leidenschaftlich Liebe auf dem Heuboden der Scheune ihrer Eltern, und es endete mit einer hinreißenden Rothaarigen." Kein Missbrauch, keine sexuellen Übergriffe, offenbar einvernehmlicher Sex zwischen zwei Erwachsenen - trotzdem hat sich der 1947 geborene O'Neill damit mächtig in die Nesseln gesetzt. Seine Vorgesetzte, die Präsidentin des Obersten Gerichts, zeigte sich entsetzt: "Diese 'schockierende Geringschätzung gegenüber Frauen' untergrabe das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Justiz, heißt es in einem Statement der Richterin: 'Keine Worte können meinen Schock darüber zum Ausdruck bringen.'"

Einerseits wollen nur noch unverbesserliche Machos zu Hefners Bunnys mit den Hasenohren und den Puschelschwänzchen am Hinterteil zurück. Wenn andererseits völlig harmlose "Geständnisse" wie die von Bill O'Neill angeblich das Vertrauen in die Justiz untergraben (ab wie vielen Sexualpartnern werden Richter eigentlich suspekt?) und unbeschreibliche Schocks auslösen, ist dies ein Anzeichen für gesellschaftliche Hysterie. Okay, möglicherweise hat O'Neill etwas zu dick aufgetragen, aber im Verhältnis zwischen Mann und Frau spielt die erotische Anziehungskraft eben nach wie vor eine große, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle. Ist das Ausleben derselben neuerdings verwerflich? Und über die Qualität der Beziehungen sagt das ohnehin nichts. Zu 50 sexuellen Beziehungen gehören im Übrigen naturgemäß auch 50 Frauen. Dass sich diese anscheinend freiwillig darauf eingelassen haben, geht in der öffentlichen Diskussion vollkommen unter. Klingt nach dem altbekannten Motto: Sie gibt, er nimmt. Aber ist eine solche Sichtweise nicht ebenfalls antiquiert?