Home | Archiv | Leserbriefe | Links | Impressum



24. Oktober 2017, von Michael Schöfer
Der böse Wolf


Der Mensch tut, was er tun muss: er isst. Und seit er vor rund 12.000 Jahren die Landwirtschaft erfunden hat, muss er sein Schnitzel nicht mehr mühsam in der Savanne jagen. Seit einigen Jahrzehnten, in der stammesgeschichtlichen Entwicklung ist das allerdings nur ein Wimpernschlag, kauft er es im Supermarkt.

Der Wolf tut ebenfalls, was er tun muss: er frisst. Da er jedoch weder die Landwirtschaft noch den Supermarkt erfunden hat, muss er wohl oder übel weiterhin auf die Jagd gehen. Canis lupus praktiziert das seit mindestens einer Million Jahren recht erfolgreich. Zumindest dort, wo ihn sein größter Feind, ein Zweibeiner namens Homo sapiens, noch nicht ausgerottet hat. Neuerdings steht der Wolf in Mitteleuropa unter striktem Artenschutz, was sich positiv auf seine Wiederansiedlung auswirkt. Gleichwohl muss natürlich auch ein geschützter Wolf fressen. Und, wenig verwunderlich, er tut es. In Baden-Württemberg hat jetzt ein Wolf - o Schreck, o Graus - zum ersten Mal (!) seit mehr als 100 Jahren (!) drei Schafe gerissen. Zur Erläuterung: Für Wölfe ist das Schaf ein Synonym für Jägerschnitzel.

Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) will ihn deshalb zum Abschuss freigeben. Bei diesem enormen volkswirtschaftlichen Schaden ist seine Reaktion absolut verständlich (Achtung: Ironie!). Schafe haben's gut im Ländle, Menschen dafür leider umso weniger. Denn würden der CDU Menschen genauso am Herzen liegen wie Schafe, würden sich die Christdemokraten nicht gegen Fahrverbote für Diesel-Pkw wehren. 2015 sind nach einer Hochrechnung von Wissenschaftlern bundesweit rund 38.000 Menschen vorzeitig wegen nicht eingehaltener Abgasgrenzwerte bei Dieselfahrzeugen gestorben. Die Südwest-CDU lehnt auch ein Tempolimit auf einer 26 Kilometer langen Teilstrecke der A 81 ab, das der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann wegen der bei Rasern äußerst beliebten Strecke erlassen wollte. Tote durch Autorennen? Für die CDU offenbar vollkommen irrelevant. Im Gegensatz zu von Wölfen gerissenen Schafen.

Da Peter Hauk dem Wolf keine Ernährungsalternative empfehlen kann, alle Versuche, ihn zum Veganer umzuerziehen, sind bislang gescheitert, bleibt halt aus der Sicht des Ministers nur die Kugel. Zum Glück, so viel Wortspiel muss sein, gilt das nicht für seinen Kabinettskollegen Guido Wolf. Zwar ist, nach allem was man hört, auch dieser Wolf kulinarischen Genüssen durchaus zugeneigt, hat aber dennoch wenig zu befürchten. Ausgenommen etwaige politische Intrigen seines Parteifreundes.