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12. September 2017, von Michael Schöfer
Warum werden sie erst im Alter weise?


Heiner Geißler ist tot, Deutschland verliert einen der markantesten und intelligentesten Politiker. Geißler war ein ebenso kluger wie kritischer Kopf, allerdings erst nach seinem Abschied von der aktiven Politik. Willy Brandts Vorwurf aus dem Jahr 1985, Geißler sei "seit Goebbels der schlimmste Hetzer in diesem Land", fand damals große Zustimmung. Da war noch nichts vom späteren Attac-Mitglied und vom populären Schlichter beim Bahnprojekt "Stuttgart 21" zu spüren. Geißler war Generalsekretär der CDU und Helmut Kohls Wadenbeißer. Er bezeichnete die SPD als "fünfte Kolonne" des Ostblocks, beschimpfte die Friedensbewegung mit der unsäglichen Aussage, der "Pazifismus der dreißiger Jahre" habe "Auschwitz erst möglich gemacht", und diffamierte linke und liberale Intellektuelle als "Sympathisanten des Terrors" (der RAF). Geißler hatte sich den Vorwurf Brandts redlich verdient. Später wandelt er sich jedoch zu einem profunden Kritiker unseres Wirtschaftssystems. Doch warum so spät? Warum erst nach dem Ende der aktiven Politiker-Karriere? Konnte er vorher nicht anders, wäre er eiskalt abserviert worden? Es bleibt der bittere Nachgeschmack, dass Geißler einen Gutteil seines Lebens genau das förderte, was er später heftig kritisierte. Können Politiker nicht früher zur Besinnung kommen?