Home | Archiv | Leserbriefe | Links | Impressum



05. September 2017, von Michael Schöfer
No Sex, no Drugs and no Rock 'n' Roll


Die 68er rebellierten gegen ihre Eltern und fragten nach deren Verstrickung in die Nazi-Barbarei. Der Spießigkeit der fünfziger und sechziger Jahre traten sie mit Jeans, langen Haaren, den Rolling Stones ("Sympathy for the Devil"), dem Konzept der freien Liebe und dem Konsum von Drogen entgegen. Ich weiß noch, wie peinlich berührt wir Mitte der siebziger Jahre waren, wenn die Eltern von Dieter überraschend im Partykeller auftauchten. Wir wollten lieber ungestört saufen, rauchen und mit den Mädchen knutschen, aber keine Moralpredigt hören. Manche versuchten verzweifelt, mit den Händen noch schnell den Zigarettenrauch zu vertreiben, was natürlich vollkommen sinnlos war. Zum Glück waren Dieters Eltern tolerant, sie baten lediglich darum: "Treibt's nicht so toll." Treiben? Wir doch nicht!

Was die Toleranz und die Aufmüpfigkeit angeht, muss man sich heutzutage eher über die angepasste Jugend beklagen. Verkehrte Welt: Im badischen St. Leon-Rot hat ein 15-Jähriger seine Mutter bei der Polizei verpfiffen, weil sie zu Hause im heimischen Garten Cannabis anbaute. In den späten Sechzigern geschah das allenfalls umgekehrt, wenn Eltern mit ihrem missratenen Nachwuchs nicht mehr anders zurechtkamen. Anstatt den renitenten Stones hagelt es nun Sympathy for Helene Fischer: No Sex, no Drugs and no Rock 'n' Roll. Wedeln im Partykeller ist nicht mehr nötig, denn Rauchen ist inzwischen ebenfalls out, dort herrscht jetzt klinische Reinheit. Die Urenkel hätten sich mit der Nachkriegsgeneration bestens verstanden. Und mittendrin eingeklemmt: die armen 68er und deren Kinder. Wie missraten die Jugend ist, wusste schließlich schon Aristoteles.

Apropos: Der griechische Historiker Herodot berichtete bereits 100 Jahre vor dem Begründer der Logik über die berauschende Wirkung von Hanfsamen. Kein Wunder, dass von der Akropolis nur noch Ruinen übrig geblieben sind und die Griechen mittlerweile von Notkrediten leben müssen. Diesen rauschbedingten Kulturverfall vor Augen, konnte der 15-Jährige offenbar gar nicht anders handeln. Das entschuldigt ihn. Ein bisschen.