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01. September 2017, von Michael Schöfer
Den INF-Vertrag zu brechen wäre furchtbar dumm

Wenn Russland tatsächlich den INF-Vertrag gebrochen hat, der Mittelstreckenraketen (Reichweite 500 bis 5.500 Kilometer) verbietet, wäre das furchtbar dumm. Die Lage ist nämlich immer noch die gleiche wie zu Beginn der achtziger Jahre: Europa mit Mittelstreckenraketen zu bedrohen, bringt Russland keinen strategischen Gewinn. Deren Stationierung, falls sie wirklich stattgefunden hat, wäre militärisch gesehen sinnlos. Aber der Bruch des INF-Vertrags könnte eine Gegenreaktion Washingtons auslösen. Mittelstreckenraketen der USA, die in Europa stationiert wären, hätten eine kurze Flugzeit und könnten die Vorwarnzeit für das russische Militär auf ein Minimum reduzieren. Die ehedem umstrittene Pershing II konnte Moskau innerhalb von 7 Minuten erreichen, die Vorwarnzeit betrug daher lediglich 2 bis 3 Minuten. Die Pershing II war eine Erstschlagswaffe, die den Atomkrieg aus Versehen wahrscheinlicher machte. Irrtümer lassen sich in 2 bis 3 Minuten kaum korrigieren. Diesen strategischen Nachteil können russische Mittelstreckenraketen, die auf Europa gerichtet sind, geografiebedingt nicht kompensieren. Die adäquate Bedrohung der USA wäre die Stationierung von russischen Mittelstreckenraketen in Kuba. Und wir wissen ja, wie sensibel die Amerikaner darauf reagieren würden. In der Kuba-Krise anno 1962 stand die Welt am Rande des atomaren Abgrundes.

Wenn die USA den INF-Vertrag mit Verweis auf den unterstellten Vertragsverstoß durch Russland aufkündigen und in Europa ebenfalls wieder Mittelstreckenraketen aufstellen, erhöht das die atomare Bedrohung der Europäer kolossal. Ihre Stationierung wäre deshalb nicht nur dumm, sondern saudumm. Sind in Washington die Träume von einem führ- und gewinnbaren Atomkrieg wirklich restlos ausgeträumt? Vermutlich nicht. Ob sich aber die jungen Europäer von heute genauso zu Massendemonstrationen aufraffen können, wie das ihre Eltern und Großeltern in den achtziger Jahren getan haben, ist fraglich. Eigentlich müssten sie noch viel stärker demonstrieren als damals, denn heute sitzt ein gewisser Donald Trump am roten Knopf. "Verglichen mit Herrn Trump ist Wladimir Putin ein hoch rationaler Mann", behauptet Altkanzler Gerhard Schröder. Aber wir wissen ja, wie wenig treffsicher Schröders Aussagen sind, schließlich hat er seinen Männerfreund einst auch als lupenreinen Demokrat bezeichnet. Beunruhigende Zeichen.