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25. August 2017, von Michael Schöfer
Wo ist die massive Manipulation?

Wer ständig grundlos "Feuer" ruft, wird schon bald nicht mehr richtig ernstgenommen, selbst wenn es tatsächlich einmal brennen sollte. Die ehedem als seriös wahrgenommenen "NachDenkSeiten" leiden seit geraumer Zeit unter dem fortwährenden Alarmismus ihres Gründers Albrecht Müller. Er sieht hinter nahezu allem und jedem die hohe Kunst der Manipulation am Werk. "Das ZDF hat massiv manipuliert", beklagt er sich aktuell. Was ist passiert? Sahra Wagenknecht (Die Linke) wird vom ZDF bei der Präsentation des Sommerinterviews wie folgt wiedergegeben: "Mit scharfen Worten greift Sahra Wagenknecht das Russland-Engagement von Ex-Kanzler Schröder an. Seine geplante Tätigkeit für Rosneft sei 'pervers', sagt Wagenknecht im ZDF-Sommerinterview."
Die Stelle, um die es geht, liest sich im Wortlaut so:
Frage des ZDF im Rahmen des Fake-News-Spiels, bei dem der Sender die Interviewten mit erfundenen Nachrichten konfrontiert: "12. Juni 2018: Schröder holt Wagenknecht - Linkenpolitikerin berät Gazprom und Rosneft"
Antwort Wagenknecht: "Nein, ganz sicher nicht. Ich finde das wirklich pervers, dass Politiker sich nach ihrem Ausscheiden aus der aktiven Politik, vor allem wenn sie wirklich führende Positionen hatten, dann in der Wirtschaft verdingen, da ihre Adressbücher versilbern und Lobbyarbeit machen. Ich finde das übel und so diskreditiert man auch die Demokratie." (ab Minute 17:38)
Worin sieht Albrecht Müller die massive Manipulation? Er zieht unterstützend eine Leserzuschrift heran: "Die Aussage von Frau Wagenknecht ist doch viel weitergehender als nur auf Schröder/Russland beschränkt. (...) Aber offensichtlich will man die Frage des Moderators so beantwortet sehen, wie er oder der Sender sich das erwünscht." Die vom ZDF gewählte Umschreibung des Interviews sei "eine Irreführung", die Aussage sei "so nicht erfolgt", das ZDF habe "eindeutig Fake News" produziert und die Aussage von Wagenknecht sei "eindeutig eine ganz andere" gewesen. [1]

Da fragt man sich, ob dem Journalist Müller mittlerweile das Textverständnis abhanden gekommen ist. Natürlich sind Äußerungen immer in einen Kontext eingebettet. Und wenn Wagenknecht, nach Gerhard Schröder gefragt, antwortet, es sei "pervers, dass Politiker sich nach ihrem Ausscheiden aus der aktiven Politik (...) in der Wirtschaft verdingen, da ihre Adressbücher versilbern und Lobbyarbeit machen", schließt das doch den Altkanzler mit ein - selbst wenn sie seinen Namen gar nicht ausspricht und anderen Politikern ebenfalls eins auf die Mütze gibt. Das erschließt sich m.E. für jeden verständigen Zuschauer aus dem Zusammenhang. Aus der Zuspitzung des ZDF eine massive Manipulation zu kreieren, ist geradezu absurd. Man muss leider feststellen: Nach dem Rückzug von Wolfgang Lieb haben die NachDenkSeiten stark an intellektuellem Niveau verloren.

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[1] NachDenkSeiten vom 23.08.2017

Nachtrag (26.08.2017):
Die Bundestagsfraktion der Linken weist auf ihrer Website mit folgenden Sätzen auf das ZDF-Sommerinterview hin: "Im ZDF-Sommerinterview rechnet Sahra Wagenknecht mit der unsozialen Politik der Großen Koalition ab. Außerdem kritisiert sie den Wechsel von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder zum russischen Energiekonzern Rosneft."
[2] Sahra Wagenknecht ist immerhin Fraktionsvorsitzende, der Hinweis dürfte also kaum ohne ihr Einverständnis so ausgefallen sein. Wenn selbst die Linke Bundestagsfraktion in Bezug auf Gerhard Schröder fast die gleichen Sätze verwendet wie das ZDF in seiner Mediathek, macht das die Manipulationsvorwürfe von Albrecht Müller erst recht unsinnig. Oder hat vielleicht sogar Wagenknecht ihre eigenen Worte "massiv manipuliert"? Ehrlich gesagt, bei Albrecht Müller würde mich auch eine solch verquere Argumentation nicht mehr wundern, schließlich haben sich skurrile Manipulationsvorwürfe bei ihm längst zum Markenkern entwickelt. Als ernstzunehmender Vertreter einer kritischen Gegenöffentlichkeit scheidet er dadurch aber aus. Albrecht Müller manövriert sich mehr und mehr ins Abseits, das scheinen er und seine Claqueure bloß nicht zu bemerken.

[2] Die Linke im Bundestag, Newsletter vom 23. August 2017