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19. August 2017, von Michael Schöfer
Die Bundeswehr hat tatsächlich ein Haltungsproblem


Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) entschuldigte sich bei der Truppe, sie hatte der Bundeswehr "falsch verstandenen Korpsgeist" sowie ein "Haltungsproblem" vorgeworfen. Für einen Verteidigungsminister ein Novum. Von der Leyen hatte zuvor jedoch viel Kritik geerntet, Thomas Oppermann (SPD) bezeichnete sie als die "schlechteste Verteidigungsministerin" seit der Wende. Bei Skandalen, wie etwa dem im Ausbildungsstandort Pfullendorf, habe sie zu pauschal kritisiert. "Die Vorwürfe der Ministerin entbehrten in ihrer Absolutheit jedweder Grundlage", beteuerte Walter Spindler, der abgelöste Kommandeur des Heeres-Ausbildungskommandos, gegenüber den Stuttgarter Nachrichten. Der SPD-Wehrexperte Rainer Arnold warf ihr vor, sie dramatisiere anstatt zu informieren.

Das war im Mai. Das Verwaltungsgericht Sigmaringen hat allerdings gerade die Klage von vier Soldaten gegen ihre Entlassung abgewiesen, der Rausschmiss wegen ihrer Teilnahme an Aufnahmeritualen in Pfullendorf sei rechtens gewesen. Allzu aufgebauscht waren die Vorwürfe also nicht, selbst wenn sich die Berichte über sadistische Sex-Praktiken an diesem Standort nicht bestätigten. Jetzt sind auch bei der Elite-Einheit Kommando Spezialkräfte (KSK) Vorfälle bekannt geworden, auf einer Abschiedsparty für den Kompaniechef seien rechtsradikale Lieder gespielt und der Hitlergruß gezeigt worden. Außerdem wird der stellvertretende Kommandeur verbaler Entgleisungen, Drohungen und frauenfeindlicher Sprüche bezichtigt, angeblich stehe er vor der Ablösung. Nun wirft der unvermeidliche Herr Oppermann der Ministerin vor, nicht rigoros aufzuklären. Die Bundeswehr habe kein Haltungsproblem, sondern ein gravierendes Führungsproblem. In den Augen der SPD ist die Ministerin einmal zu forsch, ein andermal zu zaghaft.

Zur Erinnerung: Auch in der Amtszeit von Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) kam es in der Bundeswehr immer wieder zu vergleichbaren Vorfällen. Übrigens u.a. ebenfalls beim KSK. Vielleicht ringen sich die Politiker endlich einmal zu der Erkenntnis durch, dass die Bundeswehr tatsächlich ein Haltungsproblem hat, denn dazu sind es viel zu viel "Einzelfälle", wie man derartige Vorkommnisse stets verharmlost.