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17. August 2017, von Michael Schöfer
Überbrückungskredit geradezu ein Muss

Die Politik lebt zu einem Gutteil von Symbolik, zumal in Wahlkampfzeiten. Als 1997 die Oder über die Ufer trat, profilierte sich der SPD-Politiker Matthias Platzeck als Deichgraf, wodurch er bundesweit bekannt wurde. Das wiederholte er beim Elbehochwasser 2002. Sein Ruf als Deichgraf hat ihm bei den Landtagswahlen enorm genutzt. Und er schaffte es immerhin bis zum SPD-Bundesvorsitzenden, musste dann aber aus gesundheitlichen Gründen zurücktreten.

Das Elbehochwasser 2002 rettete auch Bundeskanzler Gerhard Schröder das Amt: Im August ließ er sich dort in Gummistiefeln ablichten, bei der Bundestagswahl im September lag seine Partei hauchdünn vor der Union. Im Juli führte die Union bei der Sonntagsfrage (Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre...) noch mit vier bis fünf Prozentpunkten, ab Mitte August begann sich der Trend zu drehen. Am 22. September 2002 bekam die SPD exakt 412.277 Stimmen mehr als CDU und CSU. Voilà, geht doch. Auch ein knapper Sieg ist ein Sieg.

Von daher hätte Angela Merkel kurz vor dem 24. September wirklich nichts Schlechteres passieren können, als Tausende in der Fremde gestrandete deutsche Urlauber. Stimmungen können sich abrupt ändern, da war der Überbrückungskredit für die insolvente Air Berlin geradezu ein Muss. Ein paar Interviews mit auf dem Flughafen von Palma de Mallorca campierenden Bundesbürgern hätten vollauf genügt, um die Regierung nachhaltig in Verruf zu bringen. Bilder prägen sich ein. Gummistiefel wären in dem Fall zwar nutzlos gewesen, aber SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hätte bestimmt lautstark die Untätigkeit der Regierungschefin angeprangert. Angela Merkel konnte ihm abermals den Wind aus den Segeln nehmen.