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13. August 2017, von Michael Schöfer
Umfragerückstand ist aufholbar


SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist siegessicher: "Ich rechne damit, dass ich gute Chancen habe, der nächste Bundeskanzler zu werden", sagte er im ZDF-Sommerinterview. Seine Aussage wird bestenfalls mit einem milden Lächeln quittiert, schließlich liegt die Union derzeit mit 38 Prozent weit vor der SPD, die aktuellen Umfragen zufolge auf 24 Prozent käme. Er habe nichts gegen eine Große Koalition mit der Union als Juniorpartner, versicherte Schulz kokett. Purer Zweckoptimismus, denken viele, die SPD habe keine Chance, nach der Bundestagswahl den Kanzler zu stellen.

Das mag stimmen, aber diesbezüglich ist nichts in Stein gemeißelt. Gewiss, wenn ein Sprinter auf der 400-Meter-Strecke mit 10 Meter Rückstand auf den Führenden in die Zielgerade einbiegt, hat er kaum noch Siegchancen. Doch Wahlen sind kein Leichtathletik-Rennen, dort gelten andere Gesetze. Bis unmittelbar vor der Stimmabgabe steht noch nichts fest, und bis dahin kann noch viel passieren.

Nehmen wir einmal an, die Wählerinnen und Wähler würden ihr Wahlverhalten am Wahltag durch irgendein spektakuläres Ereignis kurzfristig ändern - dann nützt der Union der Vorsprung in den Umfragen wenig. Denken Sie bitte einmal an Fukushima anno 2011: Am 11. März lagen die Grünen laut Forsa bei 20 Prozent, doch am gleichen Tag zerstörte der durch ein Seebeben vor Japan ausgelöste Tsunami das Kernkraftwert von Fukushima, welches hinterher spektakulär in die Luft flog. Ergebnis: Die Grünen kamen am 27. März auf 24,2 Prozent. (Um Mythen vorzubeugen: Fukushima gab nicht den Ausschlag, bereits vorher war Grün-Rot in Umfragen stärker als Schwarz-Gelb. Fukushima bewirkte lediglich, dass die Grünen an der SPD vorbeizogen und erstmals den Ministerpräsidenten stellten.)

Jedenfalls zeigt das Beispiel, dass der physikalische Rückstand eines Sprinters nicht mit einem Umfragerückstand gleichzusetzen ist. Die Wählerinnen und Wähler haben es in der Hand: Entscheiden sie anders als vorhergesagt, kann Martin Schulz tatsächlich gewinnen, denn er muss keine Distanz überwinden, sondern nur das Wahlvolk überzeugen. Allerdings bin auch ich skeptisch, ob ihm das bis zum Wahltag gelingt.