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26. Juli 2017, von Michael Schöfer
Deutsche Automobilindustrie am Abgrund


Totgesagte leben länger. Zumindest gelegentlich. Das Automobil wurde in Deutschland erfunden, die hiesige Autoindustrie kann daher zu Recht auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken. Und sie ist derzeit, oberflächlich betrachtet, so stark wie nie. Der Umsatz bei Daimler ist im zweiten Quartal 2017 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um sieben Prozent gestiegen, was vor allem dem Absatz von Pkw der Marke Mercedes-Benz zu verdanken ist. Für Daimler das absatzstärkste Quartal überhaupt. Diesel-Abgas-Skandal? Selbstanzeige wegen Kartellvergehen? Petitessen. Jedenfalls scheinbar. Dabei blickt die gesamte Autoindustrie in den Abgrund: Voraussichtlich ab 2018 gilt in China, dem größten Absatzmarkt, eine Elektroauto-Quote bei Neuwagen in Höhe von acht Prozent, die sich in den Folgejahren peu à peu steigert. Norwegen will ab 2025 keine Autos mit Verbrennungsmotoren mehr zulassen, im Juni führten dort Autos mit Elektro- und Hybridantrieb erstmals die Zulassungsstatistik an. Frankreich und Großbritannien planen das Gleiche ab 2040.

Die deutsche Automobilindustrie hat aber bislang ihre Strategie ganz auf Benzin- und Dieselmotoren ausgerichtet. Zudem ist die für den Betrieb von Elektroautos notwendige Infrastruktur in einem erbärmlichen Zustand. Elon Musk (Tesla) wurde von den traditionsreichen Autobauern anfangs dünkelhaft belächelt, das dürfte ihnen allerdings inzwischen vergangen sein. Was das Elektroauto angeht agieren die Deutschen noch auf dem Niveau von Azubis. Und wenn sich nichts drastisch ändert, sind sie die Schreibmaschinen- und Fotoapparatehersteller von morgen. Will heißen: Raus aus dem Geschäft. Das kann schnell gehen. Jetzt rächt sich der Hochmut und die durchaus erfolgreiche Lobbyarbeit bei den politischen Entscheidern. Dem Druck, sich wandeln zu müssen, hat die deutsche Autoindustrie stets widerstanden. Die Erfolge gaben ihr ja recht. Doch nun ist sie am Abgrund angekommen. Totgesagte leben länger? Kann sein, aber die Autobauer müssen endlich auch etwas dafür tun.