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19. Juli 2017, von Michael Schöfer
Der Phantasie sind keine Grenzen mehr gesetzt


Bei Donald Trump haben wir ja bereits vor seiner Amtsübernahme gewusst, dass dieser Typ ein bisschen ballaballa ist. Insofern war er dann nach dem 20. Januar keine große Überraschung mehr. Was für eine Amtszeit - ein halbes Jahr voller Dilettantismus und peinlicher Rüpeleien. Unser Eindruck hat sich vollauf bestätigt. Immerhin, eines muss man ihm attestieren: Er ist berechenbar unberechenbar. Und darin ist er really great.

Recep Tayyip Erdogan ist das Ganze zu Beginn etwas geschickter angegangen, aber seit heute wissen wir endgültig, dass auch er ein bisschen ballaballa ist. Der Autobauer Daimler und der Chemieriese BASF sind terrorverdächtig. Behauptet jedenfalls Erdogan. Nicht wegen zu hohen Abgaswerten oder toxischen Düngemitteln, nein, wegen Verbindungen zur Bewegung des Predigers Fethullah Gülen. Verantwortliche der beiden Firmen, also alle vom Pförtner und Hausmeister an aufwärts, sollten Türkei-Urlaube bis auf weiteres meiden. Man weiß ja nie… Das müsste sich auch Mehmet C., der Kebap-Verkäufer einer Dönerbude in NRW, zu Herzen nehmen. Genauso terrorverdächtig wie sein Kollega vom Spätkauf-Imbiss. Hätten Sie geahnt, dass der Militärputsch in einer Dönerbude vorbereitet wurde? Ich nicht.

Was kommt als nächstes? Der Phantasie sind ja keine Grenzen mehr gesetzt. Amazon verkauft Bücher von Fethullah Gülen. Terrorpropaganda! Das ZDF hat ihn fürs heute-journal interviewt, ebenso die ARD für den Weltspiegel. Öffentlich-rechtliche Terrorpropaganda! Fast alle hiesigen Zeitungen haben ihn irgendwann einmal zu Wort kommen lassen (vom Dingolfinger Tagblatt einmal abgesehen). Türkische Chefredakteure kennen die dafür vorgesehene Strafe. Kara Ben Nemsi und seine Reisegefährten Halef Omar, David Lindsay und Mohammed Emin unterstützten die Jesiden im Kampf gegen die Türken. Terrorverdacht! Dass sie nur der Phantasie eines gewissen Karl May entsprungen sind? Egal, Terrorverdacht ist Terrorverdacht. Wird schon irgendwas dran sein. "Und den Karl May kriegen wir auch noch", droht Erdogan. Schade, dass Franz Kafka längst tot ist, er hätte gewiss seine Freude daran gehabt.