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04. Juli 2017, von Michael Schöfer
Was mich wundert, ist die Attraktivität der Ehe


Die "Ehe für alle" treibt, wie immer in solchen Fällen, die Spitzfindigen aus ihren Löchern. Die "Ehe für alle" sei gar keine Ehe für alle, weil auch nach dem am vergangenen Freitag beschlossenen Gesetz weder Väter ihre Söhne noch Töchter ihre Mütter heiraten könnten. Und natürlich dürften genauso wenig Geschwister einander ehelichen. Andere wiederum malen sogar an die Wand, dass demnächst selbst die - horribile dictu - Ehe mit Minderjährigen legalisiert werde. Als ob das irgendwo ernsthaft in Erwägung gezogen würde. Im Gegensatz zur gleichgeschlechtlichen Ehe steht dem nämlich schon das Strafrecht entgegen, denn der Beischlaf zwischen Verwandten ist - zu Recht - ebenso strafbar wie Sexueller Missbrauch von Kindern respektive von Jugendlichen. Außerdem hat der Bundestag gerade das Ehemündigkeitsalter von 16 auf 18 Jahre heraufgesetzt.

Solche "Argumente" sind groteske Übertreibungen, die bewusst Äpfel mit Birnen vergleichen. Das Gleiche bekommt man auch in Bezug auf die Legalisierung von Drogen zu hören. Da schallt es einem gehässig entgegen: "Warum Sex mit Kindern nicht ebenfalls legalisieren?" Danke für die Sachlichkeit! Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Bei der Ehe von Erwachsenen liegt eine beiderseitige Willenserklärung vor, die weder von der geistigen/körperlichen Unreife eines/beider Beteiligten noch von biologisch gebotenen Schranken beeinträchtigt wird. Insofern kann ich die sogenannte "Ehe für alle" nur gutheißen.

Was mich allerdings wundert, ist die Attraktivität der Ehe schlechthin. Gewiss, sie gibt den Partnern Rechtssicherheit. Aber ändert eine Urkunde, auf der steht, dass man mit dieser oder jener verheiratet ist, etwas an der Beziehung selbst? Man braucht gar nicht der Auffassung zu sein, die Ehe sei ein überkommenes Relikt der bürgerlichen Gesellschaft, um ihr gegenüber skeptisch zu sein. Mein Standpunkt war stets: Entweder eine Beziehung klappt oder sie klappt nicht - völlig unabhängig von Urkunden oder Eheringen. Die Liebe braucht keine Bescheinigung aus Papier. Obendrein wird bekanntlich knapp die Hälfte der Ehen irgendwann geschieden. Die Bedeutung der Ehe als Bund fürs Leben hat also im Laufe der letzten Jahrzehnte stark abgenommen. Somit wird nun kurioserweise eine erodierende gesellschaftliche Institution gefeiert. Ein bisschen spießig finde ich die Ehe schon. Und gerade deshalb wundere ich mich darüber, dass scheinbar so viele Spießigkeit zu ihrem Wunschziel erheben. Unter dem Gesichtspunkt der Gleichbehandlung durchaus verständlich, aber davon abgesehen?