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02. Juli 2017, von Michael Schöfer
Macht ihn nicht größer, als er in Wahrheit gewesen ist


Manche Äußerungen, die am Rande der Trauerfeierlichkeiten für Helmut Kohl fielen, sind grotesk. Auf morgenweb.de liest man beispielsweise die Äußerung von Stephan H., der aus der Nähe von Karlsruhe nach Speyer gekommen ist und dort interviewt wird. "Heute ist ein historischer Tag", meint er. Und es werde so bald keine Trauerfeier mehr geben, bei der der Sarg über den Rhein transportiert werde. "Das erinnert mich total an die Beerdigung von Konrad Adenauer", wird H. zitiert. Dabei ist er gerade mal 37 Jahre alt. Adenauer ist aber bereits vor 50 Jahren gestorben. Als der erste Bundeskanzler starb, war H. noch nicht einmal geboren, er kann das Ganze also bestenfalls aus den Geschichtsbüchern kennen. Außerdem: Bei Adenauer säumten Hunderttausende das Rheinufer, allein in Köln haben sich damals Zehntausende vor dem Dom von ihrem Ehrenbürger verabschiedet. In Kohls Geburtsstadt Ludwigshafen haben ihm dagegen nach Angaben der Polizei nur etwa 1.000 Menschen die letzte Ehre erwiesen, und in Speyer verfolgten im Domgarten gerade mal 600 Zuschauer die auf einem Großbildschirm übertragene Totenmesse. Andere Zeiten, gewiss, aber Kohls Tod berührt die Menschen offenbar weit weniger als damals der von Adenauer.

Auf morgenweb.de lesen wir auch die Schlagzeile: "Danke Helmut Kohl - ohne ihn würde ich heute noch hinter der Mauer sitzen." Anscheinend die Äußerung eines ehemaligen DDR-Bürgers. Nur mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass wir Kohl den Fall der Mauer gar nicht zu verdanken haben, denn das waren bekanntlich die mutigen DDR-Bürger, die 1989 zu den Montagsdemonstrationen strömten. Die Mauer wäre sicherlich genauso gefallen, wenn der Kanzler auf den Namen Johannes Rau gehört hätte (Kohls Gegenkandidat bei der Bundestagswahl 1987). Oder glaubt jemand tatsächlich, ohne Kohl würde in Ost-Berlin noch immer ein gewisser Egon Krenz als SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender der DDR die Fäden in der Hand halten? Den Grundsatz "De mortuis nil nisi bene" (von Toten nur Gutes) in allen Ehren, doch man kann es auch übertreiben. Macht ihn nicht größer, als er in Wahrheit gewesen ist.