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27. Juni 2017, von Michael Schöfer
Ein kluger Schachzug von Merkel


Die Linke und die Grünen fordern schon geraume Zeit die Einführung der "Ehe für alle". Die SPD macht ebenfalls Druck in dieser Frage. Auch die FDP, nach der Bundestagswahl am 24. September ein potenzieller Koalitionspartner, hat sich für die gleichgeschlechtliche Ehe ausgesprochen. SPD und Grüne werden sogar keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, in dem die Ehe für alle nicht verankert ist. Haben sie jedenfalls angekündigt. In dieser Beziehung war die Union also völlig isoliert. Von der AfD am rechten Rand einmal abgesehen, mit der aber ohnehin keiner koalieren will. Doch Merkel reagiert wie ein umsichtiger Fußballtrainer, der einen mit Gelb vorbelasteten Spieler vorsorglich vom Feld nimmt, um ihm die rote Karte und damit eine längere Sperre zu ersparen: Sie erklärt das Ganze kurzerhand zur Gewissensfrage und hebt den Fraktionszwang auf. Die Ehe für alle hat somit gute Chancen, noch in dieser Legislaturperiode Gesetz zu werden. Ein kluger Schachzug von Merkel, denn sie nimmt den anderen kurz vor der Bundestagswahl den Wind aus den Segeln. Hätte sich die Union stur gestellt, wäre sie womöglich als rückständig und spießig dagestanden. Doch das Thema wird im Wahlkampf wohl keine Rolle mehr spielen, die Kanzlerin hat es vom Tisch gefegt. Für SPD, Linke und Grüne ein Erfolg in der Sache, für Merkel jedoch ein wertvoller strategischer Gewinn. Die Auswechslung schmerzt nur minimal, aber sie kann anschließend beim Champions League-Finale in Bestbesetzung antreten. Eines muss man ihr lassen, an taktischem Geschick kann es momentan keiner mit ihr aufnehmen.