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27. Juni 2017, von Michael Schöfer
Es gibt nicht bloß drei Variablen

Marc Beise, der Leiter der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen, schreibt zur Rente: "Das Rentenalter steigt gerade schrittweise auf 67 Jahre. Wenn aber künftig - und so wird es kommen - immer weniger Junge für immer mehr Alte zahlen sollen, geht die Rechnung nicht mehr auf. Das Rentenniveau wird fallen und der Beitrag klettern. Pure Mathematik ist das." Die Reduzierung des Rentensystems auf pure Mathematik ist ein bemerkenswert unpolitischer Ansatz. Es gibt nämlich nicht bloß die Variablen Rentenniveau, Renteneintrittsalter und Beitragshöhe. Wie wäre es, wenn man für die Rente die Wertschöpfung als Einnahmebasis erschließt? Das könnte die sinkende Anzahl der Beitragszahler kompensieren. Teilweise geschieht das bereits über den steuerfinanzierten Bundeszuschuss.

Die Digitalisierung wird die Wertschöpfung von der Anzahl der Erwerbstätigen in Zukunft noch stärker entkoppeln, als das ohnehin bereits der Fall ist. Wer phantasielos ist und nur innerhalb den Denkschablonen des vorhandenen Systems bleibt, kann natürlich nur an den eingangs genannten Variablen drehen. Bei einem Staatsfonds, wie ihn Beise empfiehlt, kommt es darauf an, wer einzahlt. Wenn es, wie bei der privaten Altersvorsorge, nur die Arbeitnehmer sind, ist dieser Weg nicht zu empfehlen. Ein Fonds würde zwar über steigende Börsenkurse zum Teil an den Gewinnen partizipieren, aber auch dem spekulationsbedingten Auf und Ab der Börse unterworfen sein. Und wir wissen ja aus Erfahrung, dass es dort nicht immer bloß aufwärts geht. Außerdem sehen wir bei der Riester-Rente, dass viele ihre Beiträge nicht mehr zahlen können. Mehr als drei Millionen der rund 16,5 Millionen Riester-Verträge sind inzwischen ruhend gestellt. Bei Einzahlungen in den Fonds wäre das nicht anders. Man kann nur einzahlen, wenn man etwas hat. Und erfahrungsgemäß zahlen die, die es am nötigsten hätten, seltener ein. Wer knapp bei Kasse ist, dem tut jede Zusatzbelastung weh - egal ob Rentenbeitrag, Riesterrente oder Staatsfonds. In meinen Augen ist daher die Wertschöpfungssteuer der bessere Weg. Vor allem, weil die Rechnung nicht bloß die Arbeitnehmer zahlen.