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16. Juni 2017, von Michael Schöfer
Erdogan wird ständig neue Feinde entdecken


Der Herr ist anmaßend und maßlos. Weil Recep Tayyip Erdogan Probleme mit der Meinungsfreiheit hat, haben seine Leibwächter Mitte Mai friedliche Demonstranten kurzerhand verprügelt. Nicht in der Türkei, sondern in den USA. Übrigens nicht zum ersten Mal. Doch der Herr glaubt, auch noch im Recht zu sein. Die Demonstranten nennt er natürlich "Terroristen" (was denn sonst?), die Haftbefehle gegen seine Leibwächter hält er für falsch und voreingenommen, es gebe dafür keine Rechtsgrundlage. Außerdem seien die Ermittlungen nicht objektiv und unabhängig gewesen. Die amerikanische Justiz wird schwer beeindruckt sein, Belehrungen vom Ausland nimmt sie ja stets dankbar zur Kenntnis.

Die Revolution frisst ihre Kinder. Erdogan wird ständig neue Feinde entdecken. Neue Feinde entdecken müssen. Vor kurzem wurde der Vorsitzende von Amnesty International in der Türkei verhaftet und ein CHP-Abgeordneter zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Ein UN-Richter bekam siebeneinhalb Jahren Haft. Sippenhaft ist ebenfalls ein probates Mittel, so wurde etwa der Vater eines Erdogan-kritischen Basketball-Profis verhaftet. Vorwurf gegen den Sohn, der in der nordamerikanischen NBA-Profiliga spielt: Mitgliedschaft in einer Terrororganisation. Gemeint ist die Bewegung von Fethullah Gülen. Es sind immer die gleichen Vorwürfe: Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, Terrorpropaganda, Hochverrat, Spionage, Geheimnisverrat etc. Anfang Juni wurde sogar der Chefberater des türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim festgenommen. Vorwurf: Kontakte zur Fethullahistischen Terrororganisation (FETÖ).

Seit dem Putschversuch wurden mehr als 50.000 Menschen ins Gefängnis geworfen, über 150.000 verloren ihren Arbeitsplatz. Und auf dem Parteitag, auf dem er sich wieder zum Vorsitzenden der AKP wählen ließ, kündigte Erdogan bereits an, nun auch in den eigenen Reihen aufräumen zu wollen. Am Ende wird niemand mehr vor ihm sicher sein, nicht einmal die eifrigsten Speichellecker. Das kennen wir schließlich von anderen Despoten zur Genüge. Da werden wohl noch einige, die jetzt andere wegen Terrorverdacht hinter Gitter bringen, über die Klinge springen müssen. Schade, dass man ihren ungläubigen Gesichtsausdruck nicht zu sehen bekommt, wenn die Zellentüren hinter ihnen mit einem lauten Knall ins Schloss fallen.