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04. Juni 2017, von Michael Schöfer
Für Messerattacken gibt es historische Vorbilder


Messerattacken wie die in London sind gefürchtet, weil man sich gegen sie kaum schützen kann. Ein Messer hat schließlich jeder, Haushaltsmesser reichen dafür völlig aus. Es gibt auch historische Vorbilder dafür, dass Messerattacken gezielt Furcht und Schrecken verbreiten sollen. Während der römischen Besatzung waren um 70 n. Chr. herum die Sikarier (Messerstecher, Messerschwinger, Dolchträger) dafür bekannt, Menschen aus dem Hinterhalt heraus mit Messern anzugreifen.

Der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet zunächst davon, dass der von Kaiser Nero zum König von Kleinasien ernannte Aristobulus Judäa von Räubern säubern ließ: "Nachdem das Land auf diese Weise gesäubert war, machte sich in Jerusalem eine andere Art von Banditen bemerklich, die man Sikarier nannte. Sie begingen am hellen Tage und mitten in der Stadt Mordthaten, mischten sich besonders an Festtagen unter das Volk und erstachen ihre Gegner mit kleinen Dolchen, die sie unter ihrer Kleidung versteckt trugen. (...) Der erste, der von ihnen erdolcht wurde, war der Hohepriester Jonathas, und in der Folgezeit häuften sich die Mordthaten von Tag zu Tag derart, dass die Furcht vor ihnen mehr Entsetzen verbreitete als die Unglücksfälle selbst, indem wie in der Schlacht niemand auch nur einen Augenblick vor dem Tode sicher war. Schon von fern witterte man Feinde, ja selbst den Freunden, denen man begegnete, traute man nicht mehr, und doch kamen trotz aller argwöhnischen Vorsicht immer neue Mordanfälle vor..." (Flavius Josephus, Der jüdische Krieg, Zweites Buch, Kapitel 13, Seite 231, Übersetzung: Heinrich Clementz, Hendel-Verlag, ca. 1900)

Terrorismusforscher weisen darauf hin, dass es sich, anders als Josephus schreibt, nicht um gewöhnliche Banditen, sondern vielmehr um politische Attentäter handelte, die sich gegen die römische Besatzung und jüdische Kollaborateure wandten. "Die politische Absicht der den Zeloten nahestehenden Sikarier bestand nach [David Charles] Rapoport in der Entfesselung eines Massenaufstandes gegen die Römer, aber auch gegen den zahlenmäßig starken griechischen Bevölkerungsanteil. Fortwährende Anschläge sollten Repressalien hervorrufen, die einerseits das Leben unter der Besatzung unerträglich, andererseits eine erneute politische Annäherung zwischen den Parteien unmöglich machen sollten. (Holger Kaschner, Neues Risiko Terrorismus, Verlag für Sozialwissenschaften, 2008, Seite 48)

Zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert verbreiteten die Assassinen (eine schiitische Sekte, die den Gottesstaat wiederherstellen wollte) mit Dolchattentaten Furcht und Schrecken. In jüngerer Zeit wurden vor allem in Israel vermehrt Messerangriffe durch Palästinenser verübt. Im Februar 2016 hat eine 15-jährige Salafistin in Hannover einen Polizeibeamten mit einem Messer lebensgefährlich am Hals verletzt, sie soll durch den Islamischen Staat angeleitet worden sein. Und nun London: Ein Kleintransporter rast auf der London Bridge in die Menschenmenge, anschließend fahren die Täter in ein Kneipenviertel und stechen mit Messern wahllos auf Passanten ein. Sieben Tote und mehr als 50 Verletzte.