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03. Juni 2017, von Michael Schöfer
Was haben Klimamodelle mit Moral zu tun?


Der konservative "Berliner Kreis" innerhalb der CDU fordert ein Ende der "moralischen Erpressung" durch die Klimaforschung. Man solle nicht bloß auf die negativen Folgen der Erderwärmung schauen, sondern vielmehr auch die damit verbunden Chancen sehen. "Die mit dem Schmelzen des polaren Meereises verbundenen Chancen (eisfreie Nordpassage, neue Fischfangmöglichkeiten, Rohstoffabbau) [seien] vermutlich sogar größer als mögliche negative ökologische Effekte", heißt es in einer Erklärung, die dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt.

Was Klimamodelle mit Moral zu tun haben, erschließt sich einem nicht, denn zunächst geht es dabei um das Sammeln von überprüfbaren Fakten und anschließend werden daraus Prognosen für die Zukunft abgeleitet. Natürlich ist es eine ungeheure moralische Belastung, wenn Politiker nicht mehr ruhigen Gewissens mit ihrem SUV durch die Lande fahren können. Aber deswegen gleich von moralischer Erpressung sprechen? Mit Verlaub, ein bisschen schräg ist das schon.

Zugegeben, durch die eisfreie Nordwestpassage würde der Seeweg nach Asien (Rotterdam - Tokio) in der Tat deutlich von 21.100 km auf 15.900 km schrumpfen, bei der Nordostpassage sogar auf bloß noch 14.100 km. Die Zeit- und Kostenersparnis wäre zweifellos enorm. Leider schmilzt aber nicht nur das Eis im Polarmeer, das keine Auswirkungen auf die Höhe des Meeresspiegels hat, sondern ebenso das grönländische Festlandeis, was wiederum den Meeresspiegel drastisch erhöhen würde. Laut dem Max-Planck-Institut für Meteorologie um etwa 7,3 m. Schmilzt auch der Eispanzer der Antarktis, kommen noch einmal 56,6 m hinzu. Das sind summa summarum rund 64 m.

Natürlich passiert das nicht über Nacht, aber wenn die Eisschmelze einmal in Gang gekommen ist, dürfte sie kaum noch aufzuhalten sein. Und momentan sprechen alle Anzeichen dafür. Küstennahe Städte wie Bremen, Hamburg oder Kiel bekommen dann rasch Probleme, langfristig müssten sie aufgegeben werden. Der tiefste Punkt von Berlin liegt nur 34 m über Normalnull und stünde beim Worst-Case-Szenario 30 m unter Wasser. Köln läge zum Glück nur 10 m unter dem Meer, was dem 157 m hohen und demzufolge malerisch aus dem Wasser ragenden Dom bestimmt einen besonderen Reiz verleiht (sofern das alte Gemäuer der Brandung standhält).

Doch zu jenem fernen Zeitpunkt ist mit Sicherheit kein Politiker des "Berliner Kreises" mehr am Leben. Wahrscheinlich erinnert man sich nicht einmal an die Namen derjenigen, die anno 2017 einen auf Donald Trump machten und fürchterlichen Unsinn verzapften.