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29. April 2017, von Michael Schöfer
Kim Jong-un reizt Donald Trump bis aufs Blut


Manche halten ja Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un nicht für verrückt, sondern vielmehr für eiskalt berechnend. Ich bin anderer Meinung, denn das, was er tut, ist vollkommen unvernünftig. Er überzieht total. Nordkorea hat heute Nacht erneut einen Raketentest durchgeführt, dass dieser offenbar scheiterte, ist unerheblich.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einem Muskelpaket: 195 cm groß, 120 kg schwer, kein Gramm Fett, Abwehrrecke in der amerikanischen National Football League. Und dann schreien Sie ihn an: "Du traust dich nicht zuzuschlagen!" Nicht nur einmal, nein, immer wieder: "Du traust dich nicht zuzuschlagen!" Vielleicht zeigen Sie ihm zur Bekräftigung des Gesagten auch noch den Mittelfinger. Okay, wenn sich das Muskelpaket in der Gewalt hat und cool bleibt, kommen Sie womöglich heil davon. Doch was glauben Sie, wie lange er sich zurückhält, wenn Sie ihn im Stadion vor allen Leuten anschreien? Irgendwann muss er zuschlagen, ob er will oder nicht, schon allein um sich die Blamage zu ersparen und in der Öffentlichkeit nicht als Memme dazustehen. Und dann werden Sie wahrscheinlich furchtbar vermöbelt.

Genau das tut Kim Jong-un mit Donald Trump - er reizt ihn bis aufs Blut. Und Donald Trump ist keiner, der sich lange in der Gewalt hat. Er bleibt bestimmt auch nicht cool, insbesondere wenn er öffentlich herausgefordert wird. Inhalte sind bei Trump zweitrangig, ihm kommt es hauptsächlich darauf an, vor seinen Wählern gut dazustehen. Insofern ist Nordkoreas Strategie absolut hirnrissig. Glaubt Kim Jong-un wirklich, die USA würden es hinnehmen, dass er Interkontinentalraketen entwickelt, die Atomsprengköpfe tragen können? Ich fürchte, er verkalkuliert sich. An seiner Stelle würde ich mir die Situation mit dem Muskelpaket noch einmal gut durch den Kopf gehen lassen. Vielleicht wäre es klüger, die Hand auszustrecken und zu sagen: "Hey Kumpel, war nicht so gemeint, wir können ja über alles reden."