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28. März 2017, von Michael Schöfer
Mythos Babyboom


Mythos Babyboom: Angeblich soll es ja neun Monate nach einem großen Stromausfall in New York, der die Einwohner der Millionenstadt vom 9. auf den 10. November 1965 zu einer Nacht ohne Fernsehen verurteilte, einen Babyboom gegeben haben. So stand es jedenfalls in der New York Times. Zu einem Babyboom hätten auch jeweils die Stromausfälle von 1977 und 2003 geführt, doch eine wissenschaftliche Prüfung hat nichts davon bestätigt.

Nach dem legendären 6:1 des FC Barcelona gegen Paris St. Germain im Achtelfinale der Champions League prophezeite Barças Verteidiger Gerard Pique einen Babyboom. Ganz ohne Stromausfall, aber aus gegebenem Anlass vielleicht dennoch mit Kerzenschein: "Die Krankenhäuser sollten Hebammen einstellen. Heute Nacht werden die Menschen ganz viel Liebe machen." Ob es wirklich dazu kommt, bleibt abzuwarten. Immerhin leben wir, Champions League-Euphorie hin oder her, im Zeitalter der Pille.

Heute Nacht wird in Deutschland das Antennenfernsehen von DVB-T auf DVB-T2 HD umgestellt, wobei der Bildschirm bis zu 12 Stunden lang dunkel bleiben soll. Ein drohender Babyboom? Vergessen Sie's, denn nur noch 9 Prozent der Fernsehzuschauer nutzen überhaupt diesen Übertragungsweg, von daher dürften die Krankenhäuser der Sache relativ entspannt entgegensehen.

Außer in Berlin, denn dort gibt es tatsächlich einen mysteriösen Babyboom. In den Kreißsälen der Bundeshauptstadt soll es schon zu Kapazitätsengpässen gekommen sein. Die Hebammen seien total ausgebucht, heißt es. Berlin ist hierzulande in puncto Bevölkerungsentwicklung absoluter Spitzenreiter. Doch woran liegt's? Lang anhaltender Stromausfall? Fehlanzeige! Legendäre Siege von Hertha BSC? Ebenfalls Fehlanzeige! Zumindest keine so wie die von Barça. Von sinkenden Mieten, die finanziellen Spielraum für Strampler und Schnuller lassen, ist auch keine Rede. Der Flughafen wiederum… Nein, jetzt nicht! Berlin ist eben hip. Kleiner Hinweis: Wenn Sie erst bei Wikipedia nachschlagen müssen, was dieser Begriff genau bedeutet, sind Sie am Babyboom definitiv nicht beteiligt. Und fragen Sie mich jetzt bitte nicht, warum.