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30. Dezember 2016, von Michael Schöfer
Auf Gaulands Schleimspur ausgerutscht

Wenn Rechtspopulisten eine Schleimspur legen, können sie sich hundertprozentig darauf verlassen, dass auch prompt irgendjemand darauf ausrutscht. AfD-Vize Alexander Gauland will Speisen wie den "Mohrenkopf" oder das "Zigeunerschnitzel" rehabilitieren. Nun kann man die Ächtung dieser angeblich rassistischen Begriffe durchaus als überzogene political correctness werten, ohne zugleich Anhänger der AfD oder gar Rassist zu sein. Sprache ist nämlich immer nur im jeweiligen Kontext verständlich. Wenn Angela Merkel flapsig zu Kanzleramtsminister Peter Altmaier sagt, "bitte gib mir mal den Engländer", dann will sie womöglich mit dem britischen Außenminister Boris Johnson telefonieren. Wenn sie daheim bei ihrem Mann die gleichen Worte benutzt, will sie wahrscheinlich etwas mit dem gleichnamigen Werkzeug reparieren. Und wenn sie während ihres Urlaubs in Österreich einen "Engländer" verlangt, bekommt sie in den Wiener Kaffeehäusern Gebäck mit Mandeln und Früchten vorgesetzt.

Nun wurden Briten hierzulande selten mit dem Wort "Engländer" verächtlich gemacht. Im Gegensatz zur Volksgruppe der Roma, die man jahrhundertelang verächtlich "Zigeuner" nannte. Dass man Roma heute nicht mehr als "Zigeuner" bezeichnet, müsste sich eigentlich von selbst verstehen. Doch gilt das auch für das "Zigeunerschnitzel"? Offen gesagt wird’s hier schnell skurril, denn wer denkt schon beim Verzehr eines "Zigeunerschnitzels" tatsächlich an die diskriminierte Volksgruppe? Ich jedenfalls nicht, sondern an ein Schnitzel mit Paprikasauce. Bei einem "Holzfällersteak" denke ich ja auch nicht an Menschen, die mit der Axt im Wald herumlaufen und Bäume fällen. Ich finde, man kann es mit der political correctness wirklich übertreiben.

Ausgerutscht auf Gaulands Schleimspur ist Christian Bommarius, der in der Frankfurter Rundschau kommentierte, dann müsse man Juden in Deutschland künftig auch wieder "Itzik" und Ausländer "Kanaken" nennen. Geht's noch? Und das bloß wegen dem "Zigeunerschnitzel"? Bei allem Wohlwollen, aber da kann ich gut nachvollziehen, wenn angesichts dessen viele nur noch verständnislos mit dem Kopf schütteln.

Übrigens: Als 2015 der Rumäne Dorin Cioba (President of the International Romani Union) Israel besuchte, titelte die Jerusalemer Nachrichtenagentur Israel Heute völlig unbefangen: "König der Zigeuner besucht Israel." Ciobas eigene Worte waren: "Juden und Zigeuner haben eine besondere Beziehung – zwei Völker, die oft verfolgt wurden." Der Präsident der IRU hat offenbar mit der Bezeichnung "Zigeuner" weniger Probleme, als mancher Restaurantbesucher in Deutschland mit dem "Zigeunerschnitzel".