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17. Dezember 2016, von Michael Schöfer
Die üblichen Verdächtigen


"Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen", befiehlt Polizeichef Louis Renault seinen Untergebenen. Und alle, die den Film "Casablanca" gesehen haben, wissen natürlich, dass dies bloß ein Ablenkungsmanöver ist, das vom wahren Täter wegführen soll. Wenn etwas gehackt wird, werden die "üblichen Verdächtigen" meist in Russland gesucht. Doch stimmt das mit der Realität überein? Offenbar nicht immer. Vor ein paar Tagen titelte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: "Russland hackte geheime Bundestagsakten." Was war passiert? Akten des NSU-Untersuchungsausschusses tauchten bei Wikileaks auf. Die "üblichen Verdächtigen" waren schnell identifiziert - natürlich abermals die Russen. Es gebe eine "hohe Plausibilität", stand da zu lesen, dass die Akten aus dem russischen Cyberangriff auf den Bundestag stammen. Das war jedenfalls laut FAS die "Einschätzung deutscher Sicherheitskreise". Und nun? Ätsch, ätsch, die Russen waren es vermutlich doch nicht, denn jetzt heißt es plötzlich, die Daten seien von einem Maulwurf im Bundestag entwendet worden. Ermittler der Bundespolizei halten die Hacker-Theorie für unwahrscheinlich. Es verdichten sich angeblich die Hinweise, dass die Unterlagen von einem Mitarbeiter des Bundestages weitergegeben wurden.

Warum das wichtig ist? Weil es dabei um Krieg und Frieden gehen kann! US-Präsident Barack Obama macht russische Hacker für die Veröffentlichung von brisanten Daten der Demokratischen Partei verantwortlich, und die CIA soll bereits als Vergeltungsmaßnahme eine Cyberattacke auf Russland planen. Stefan Kornelius schrieb gestern in der Süddeutschen: Sofern sich die staatliche Urheberschaft belegen lasse, seien "strafrechtliche und diplomatische Antworten angemessen, etwa Sanktionen oder möglicherweise sogar ein angekündigter und begrenzter digitaler Gegenschlag etwa gegen die Infrastruktur des Aggressors". Ich frage mich, ob sich alle über die damit verbundenen Konsequenzen im Klaren sind, unter Umständen könnte daraus nämlich schnell ein heißer Krieg werden. Quidquid agis, prudenter agas et respice finem (was auch immer du tust, tue es klug und bedenke das Ende). Es wäre fatal, wenn man ohne hieb- und stichfeste Beweise (Regierungspropaganda ist hierfür denkbar ungeeignet) losschlagen würde. Ich behaupte nicht, die Russen seien Unschuldslämmer. Gewiss nicht, aber beim NSU-Untersuchungsausschuss waren sie anscheinend wirklich bloß die "üblichen Verdächtigen".