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14. Dezember 2016, von Michael Schöfer
Bloße Empörung hilft nicht weiter


"Und die Welt schaut zu", diesen Satz hört man jetzt im Zusammenhang mit Syrien im Allgemeinen und mit Aleppo im Besonderen häufig. Und er ist bestens dazu geeignet, einem ein schlechtes Gewissen zu machen. Verdammt seid ihr, die ihr dem Drama untätig beiwohnt! Natürlich ist es schlimm, wenn die Welt bei etwas zuschaut. Aber was ist die Alternative? Das sagen nämlich die, die der Welt Apathie vorwerfen, nicht. Bei Ihnen heißt es lediglich: "Und die Welt schaut zu. Punkt." Doch damit allein ist es ja nicht getan. Was soll die Welt also bitteschön in Syrien konkret tun? Einmarschieren, syrische und russische Truppen bombardieren, Assad töten? Das könnte alles noch viel schlimmer machen und im äußersten Fall einen Weltenbrand auslösen. Bloße Empörung hilft nicht weiter, wenn niemand sagt, was stattdessen getan werden soll bzw. was realistischerweise getan werden kann. Und vor allem muss man sagen, wer das dann tun soll. Wer ist denn "die Welt"? Im Zweifel natürlich die Amerikaner. Doch es ist billig, mit dem Finger immer nur auf andere zu zeigen: Hey, warum macht ihr nicht endlich die Drecksarbeit? Frage: Wären wir bereit, deutsche Soldaten als Bodentruppen in Syrien einzusetzen (von denen etliche, diese Prognose ist nicht allzu schwer, im Zinksarg heimkehren würden)? Wetten, dass dann viele, die ihren Mitmenschen ständig den Satz "Und die Welt schaut zu" an den Kopf werfen, schnell ruhig sind. Nein, das sei selbstverständlich nicht damit gemeint, den Sohn der Nachbarn oder das eigene Kind nach Syrien zu schicken. Mein Rat: Denkt daran, wenn ihr das nächste Mal "Und die Welt schaut zu" sagen wollt.