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26. November 2016, von Michael Schöfer
Fidel Castro - die Bilanz seines Lebens ist zwiespältig


Fidel Castro ist tot. Über Tote natürlich nur Gutes! Höchstwahrscheinlich wird er nicht von einem Pfarrer beerdigt, aber lange Abschiedsreden an seinem Grab sind ihm dennoch gewiss. Hoffentlich nicht so lange, wie er sie selbst zeitlebens gehalten hat. Castro gibt in seiner Autobiographie an, bis zu sechs Stunden lange Reden gehalten zu haben. Andere wollen von neunstündigen Reden wissen, wieder andere sogar von bis zu elf- oder zwölfstündigen. Wie dem auch sei, Castro war jedenfalls berühmt für sein Redetalent, er soll mehrere Tausend gehalten haben. Der "Máximo Líder" (Größter Führer) hatte zweifellos Charisma. Die kubanische Revolution war notwendig, doch der Freiheitskämpfer mutierte danach selbst zum Diktator. Meinungs- und Pressefreiheit gibt es auf Kuba bislang nicht, Oppositionelle werden nach wie vor schikaniert und eingesperrt. Wirtschaftlich ist der kubanische Sozialismus gescheitert, was freilich auch (aber nicht nur) auf den jahrzehntelange Boykott der USA zurückzuführen ist. Die Zukunft der Karibikinsel ist durch den Tod Castros unsicherer denn je. Die Bilanz seines Lebens ist zwiespältig. Sicherlich wird er über den Tod hinaus polarisieren: Seine Anhänger werden herzzerreißend um ihn weinen, seine Feinde vermutlich in Jubel ausbrechen. Über Tote nur Gutes! Diesen Grundsatz einzuhalten fällt bei Fidel Castro ziemlich schwer.