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23. November 2016, von Michael Schöfer
Bedenkliche Umfrageergebnisse


Vorsicht mit der Interpretation von Umfragen: Das Bundesland Sachsen hat zweifellos ein Problem mit der dort vorhandenen Fremdenfeindlichkeit. Erst kürzlich bekam die sächsische Bevölkerung in Umfrageergebnissen des Meinungsforschungsinstituts dimap attestiert, unter ihr seien rechte und rassistische Einstellungen weit verbreitet. Allerdings bin ich dabei über Folgendes gestolpert: "Besonders bedenklich sei das Ausmaß der Ressentiments gegenüber Muslimen (...). Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) sagen demnach, hier lebende Muslime akzeptierten die Werte in Deutschland nicht", berichtet Spiegel-Online. Das klingt nach einem plumpen Vorurteil.

Stimmt aber nur zum Teil, denn die Mitte des Jahres präsentierte Studie "Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland" der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster konstatierte, dass 47 Prozent der Türkeistämmigen in Deutschland die Gebote ihrer Religion über die hiesigen Gesetze stellen. Und 32 Prozent stimmen sogar der Aussage zu, Muslime sollten die Rückkehr zu einer Gesellschaftsordnung wie zu Zeiten des Propheten Mohammed anstreben.

Pauschalierungen sind immer doof, aber wenn nahezu die Hälfte der Türkeistämmigen religiöse Gebote über die weltlichen Gesetze stellt, darf man das nicht bagatellisieren. Und derjenige, der das ernst nimmt, ist allein dadurch noch lange kein Rechter, weil sich zumindest dieses vermeintliche Ressentiment (ein auf Vorurteilen beruhendes Gefühl der Abneigung) offenbar teilweise auf objektive Tatsachen stützen kann. Das heißt jetzt nicht, die Sachsen generell von Fremdenfeindlichkeit freizusprechen oder diese zu rechtfertigen. Man sollte Umfrageergebnisse bloß differenzierter betrachten, als das in der schnelllebigen Medienwelt gemeinhin geschieht.