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17. November 2016, von Michael Schöfer
Hätte man 1986 doch bloß auf die Bürger gehört


Nach dem Brexit-Referendum und der Trump-Wahl sind die Zweifel an Volksabstimmungen gewachsen, weil man Angst vor einem Durchmarsch der Populisten hat. Ohne Grund, wie ich meine, denn solche Instrumente müssen schließlich, wie so vieles andere, erst eingeübt werden. Die Schweiz ist ja bislang, obgleich es dort seit 1848 Volksabstimmungen gibt, auch nicht untergegangen.

In meiner Wahlheimat Mannheim gibt es sogar ein Beispiel, dass man dort besser dem Votum der Bürger gefolgt wäre. Auf dem Quadrat N1, bis dahin als Parkplatz genutzt, wollte man Anfang der achtziger Jahre ein Stadthaus errichten. Strittig war bloß, ob es eine moderne oder eine historische Bebauung geben sollte. An dieser Stelle stand nämlich vorher das 1745 errichtete "Alte Kaufhaus" (ein barocker Prachtbau), welches im Zweiten Weltkrieg den Bombenangriffen zum Opfer fiel. 1986 stimmten die Einwohner in einem Bürgerentscheid mit 83 Prozent (!) für die historische Rekonstruktion. Weil aber das 30-Prozent-Quorum knapp verfehlt wurde, setzte sich der damalige OB Gerhard Widder kurzerhand über den Bürgerentscheid hinweg. Errichtet wurde, unter großem Protest der Bürgerschaft, ein moderner Neubau. Doch der wurde nie richtig angenommen, noch heute halten laut repräsentativer Umfrage 58 Prozent der Mannheimer das Gebäude für "nicht gelungen".

Bislang sind alle Konzepte, es mit Leben zu füllen, gescheitert, ständig wird umgeplant und umgebaut, Teile davon sind inzwischen marode. Eine Expertin für Immobilien-Marketing fordert mittlerweile den Abriss und die Realisierung des einst von den Bürgern favorisierten Konzepts: Die Errichtung eines modernen Gebäudes in historischer Hülle. Andernfalls drohe das heute bestehende Gebäude, das eigentlich an einem attraktivem Standort steht, zu verkommen. Hätte man 1986 auf die Bürger gehört, wäre das alles vermutlich ganz anders gekommen, aber man hat ja höheren Ortes nicht auf sie hören wollen. Die Entscheidungen des Establishments sind jedenfalls, wie man an diesem Beispiel sieht, nicht immer klüger.