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10. November 2016, von Michael Schöfer
Was soll da am Ende anderes herauskommen?


Neben Hillary Clinton gab es bei den Präsidentschaftswahlen zwei weitere Verlierer: die Medien und die Meinungsforscher, denn beide lagen mit ihren Prognosen fast ohne Ausnahme meilenweit daneben. Spiegel-Online hat vor kurzem darauf hingewiesen, dass das Median-Einkommen der US-Haushalte (= die Einkommenshöhe, von der aus die Anzahl der Haushalte mit niedrigeren Einkommen gleich groß ist wie die der Haushalte mit höheren Einkommen) im vergangenen Jahr inflationsbereinigt 56.516 US-Dollar betrug. 1999 lag es noch bei 57.909 US-Dollar, dem bisherigen Höchststand. Das mittlere Einkommen der US-Bürger ist somit 2,4 Prozent niedriger als damals.

Offenbar können sich weder gutbezahlte Leitartikler noch gutbezahlte Demoskopen in die Situation der vernachlässigten Mittel- bzw. Unterschicht hineinversetzen. Letzteren war es absolut egal, ob Trump sexistisch und möglicherweise gefährlich ist. Was hätten sie denn anderes tun sollen? Clinton wählen, sich anschließend still in die Ecke setzen und geduldig weitere 15 Jahre sinkende Realeinkommen hinnehmen? Das gleiche Spiel findet ja auch bei uns statt: Mindestlohn? War nach Ansicht der meisten Zeitungen Kokolores! Sinkendes Rentenniveau? Unumgänglich! Mietpreisbremse? Humbug! Hartz IV? Erforderlich!

Was, bitteschön, soll da am Ende anderes herauskommen als Donald Trump, Geert Wilders, Marine Le Pen, Heinz-Christian Strache oder Frauke Petry? Das haben die neunmalklugen Welterklärer leider völlig übersehen. Und so kam es, dass sie bereits vor Wochen fünf Gründe aufzählten, warum Hillary Clinton praktisch schon US-Präsidentin ist, während sie nun plötzlich ganz genau die fünf Gründe kennen, warum Donald Trump gewonnen hat. Zugegeben, die Wählerinnen und Wähler sind orientierungslos. Die Medien und Meinungsforscher aber ebenfalls. Ich bin vom Wahlausgang alles andere als begeistert, doch das Spiel nennt man Demokratie.