Home | Archiv | Leserbriefe | Links | Impressum



09. September 2016, von Michael Schöfer
Amerika war mal anders


Facebook bestätigt mal wieder alle Vorurteile über ungebildete und prüde Amerikaner, das soziale Netzwerk löschte nämlich eines der berühmtesten Fotos des Vietnamkriegs, weil darauf ein nacktes Mädchen zu sehen ist, das vor amerikanischen Napalm-Bomben flüchtet. Nacktheit ist ja mittlerweile in den USA absolut verpönt. Das Foto wurde 1972 zum Pressefoto des Jahres gewählt und der Fotograf mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.

Ja, Amerika war mal anders. Erstaunlich. Kritiker warfen Facebook daraufhin Zensur vor. Übrigens nicht zum ersten Mal. Der Deutsche Journalisten-Verband ist entrüstet: Man müsse von dem Unternehmen erwarten, zwischen einem zeitgeschichtlichen Dokument und Kinderpornografie unterscheiden zu können. Falsch gedacht, Amerikaner wissen in den meisten Fällen wohl noch nicht einmal, wo Vietnam liegt. Gary Johnson, der Präsidentschaftskandidat der Libertären Partei, hat im Fernsehen auf die Frage, was er in Aleppo unternehmen würde, allen Ernstes nachgefragt: "Aleppo? Was ist Aleppo?" Die Stadt steht bekanntlich seit Jahren im Zentrum des syrischen Bürgerkrieges. Er hat es wirklich nicht gewusst. Belgien sei eine wunderschöne Stadt, glaubt auch Donald Trump, der wesentlich aussichtsreichere Präsidentschaftskandidat der Republikaner.

Und dann erwartet man von Facebook-Mitarbeitern, zu wissen, was 1972 in Südostasien passiert ist? "Vietnam? Was ist Vietnam?" Außerdem: Wer sich über die groteske Zensur in Facebook beklagt - mein Gott, es gibt ein einfaches Mittel, dem zu entgehen: Erst gar nicht Mitglied werden bzw. den Account löschen.