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30. April 2018, von Michael Schöfer
Wo ist das Korrektiv?


Schon von jeher achtete das Establishment darauf, was man denken und sagen darf. Zu diesem Zweck entwickelten Gesellschaften Religionen, pflegten Traditionen und errichteten einen ideologischen Überbau. Wenn in einem Land, wie etwa der Volksrepublik China, die Zensoren das Internet überwachen, so machen sie das natürlich nicht deshalb, weil sie die Bevölkerung aus Jux und Tollerei bevormunden wollen, sondern um die Verbreitung alternativer Gedanken gleich im Keim zu ersticken. Nichts soll der offiziellen Propaganda widersprechen. Jede Gesellschaft basiert auf einer Erzählung. Und in autoritären Gesellschaften wird jede Abweichung davon durch Zwang unterbunden, weil sie andernfalls womöglich die Herrschaftsverhältnisse zum Einsturz bringt.

"Die Volksrepublik China ist ein sozialistischer Staat unter der demokratischen Diktatur des Volkes, der von der Arbeiterklasse geführt wird und auf dem Bündnis der Arbeiter und Bauern beruht", lautet Artikel 1 Satz 1 der Verfassung der Volksrepublik China. Und in den Sätzen 2 und 3 wird sofort klargemacht: "Das sozialistische System ist das grundlegende System der Volksrepublik China. Die Sabotage des sozialistischen Systems ist jeder Organisation oder jedem Individuum verboten." [1] Damit wird der staatliche Repressionsapparat, angefangen von den freiwilligen Nachbarschaftsaufpassern bis hin zu den Arbeitslagern, von der Verfassung legitimiert. Schon allein die harmlose Frage, was an den realen Zuständen in China noch sozialistisch ist, wird als Angriff auf das System gewertet. Von abweichenden Auffassungen, wie sie etwa in der "Charta 08" [2] zum Ausdruck kamen, ganz zu schweigen.

In den westlichen Demokratien ist Zensur offiziell verboten, es dominiert das Narrativ des Pluralismus und des freien Meinungskampfes. Allerdings wird hier die Meinungsvielfalt neuerdings weniger durch staatliche Eingriffe bedroht, sondern vielmehr durch die Macht der privaten Monopole, wie sie sich insbesondere durch das Internet herausgebildet haben. Google zensiert natürlich keine Meinung, aber ein Algorithmus sorgt dafür, dass sie sich vielleicht nicht mehr finden lässt. Der Internet-Gigant hatte im März 2018 mit seiner Suchmaschine weltweit einen Marktanteil von 91,24 Prozent. [3] Faktisch bedeutet das: Was Google nicht anzeigt, existiert aus der Sicht des Suchmaschinennutzers auch nicht. Die klassische Zensur, das physische Löschen der Information und das Verbot ihrer Verbreitung, ist gar nicht mehr notwendig.

Oder nehmen wir Wikipedia: Das Online-Lexikon hat andere Lexika vom Markt gefegt. Die Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden - sie ruhe in Frieden. Doch ist jetzt nur noch das wahr, was in Wikipedia von Laien erstellt und mitunter entgegen der historischen Wahrheit mit großem ideologischen Eifer verteidigt wird? Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. [4] Ähnlich wie bei der Suchmaschine von Google gilt schließlich auch hier: Es existieren kaum noch Alternativen, bei denen man sich ähnlich leicht abweichende Informationen besorgen kann. Wikipedia ist inzwischen auf dem Sektor der Wissenssammlungen nahezu konkurrenzlos. Das ist quasi so, als gäbe es auf der Welt nur eine einzige Bibliothek. Und welche Bücher darin stehen, entscheidet ein anonymer Kreis von wenigen Personen.

Die scheinbare Vielfalt des Internet ist in Wahrheit ein Einheitsbrei. Es wird zwar keine Meinung im klassischen Sinne durch staatliche Verbote unterdrückt, aber durch die private Monopolisierung an den Rand gedrängt. Keine gesetzliche, aber eine faktische Zensur. Für die Demokratie ist diese Entwicklung wahrscheinlich noch viel gefährlicher als staatliche Zensur, weil sie in Zuckerwatte verpackt ist und im Verborgenen wirkt. Es ist ja scheinbar so easy: Wikipedia - ein Klick und man weiß alles. 24 Stunden am Tag kostenlos verfügbar. Doch weiß man wirklich alles? Oder bloß das, was dort hinein darf? Denn nur eine Minderheit verfolgt das mitunter befremdliche Geschehen hinter den Kulissen. Die Erfahrung zeigt, dass sich nicht alle an die Regeln halten, doch das wird offensichtlich toleriert. Die glänzende Fassade offenbart davon nichts. Nur, wo ist das Korrektiv, wenn die Selbstregulierungsmechanismen versagen? Googles Quellcode ist ein gut gehütetes Geschäftsgeheimnis. Und die Künstliche Intelligenz, die schon bald hinter fast allem stehen wird, ist selbst für ihre Schöpfer eine undurchschaubare Blackbox. Die besorgniserregende Frage ist: Wohin wird das führen? Noch ist weit und breit keine Lösung in Sicht.

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[1] Verfassungen der Welt, Verfassung der Volksrepublik China i.d.F. vom am 4. Dezember 1982
[2] Charta 08 - aus dem Chinesischen von Dr. Jörg-M. Rudolph, Ostasieninstitut, Fachhochschule Ludwigshafen, mit freundlicher Genehmigung des Übersetzers
[3] Statcounter, Search Engine Market Share Worldwide
[4] siehe Wikipedia und die Hüter der Wahrheit vom 27.04.2018