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13. Mai 2018, von Michael Schöfer
So verschläft Deutschland seine Zukunft


China ist bei den Elektroautos weit voraus, liest man auf der Website des Heise-Verlags. "Lange waren deutsche Hersteller auf dem wichtigsten Automarkt der Welt kaum zu schlagen. Doch im rasant wachsenden Geschäft mit Elektroautos droht die chinesische Konkurrenz davonzufahren." [1] Die Sorge ist nicht unbegründet: Während auf dem chinesischen Automarkt 2017 immerhin 652.000 reine Elektrofahrzeuge abgesetzt wurden, sieht es in Deutschland noch ziemlich mau aus, hier waren es nämlich bloß 25.056. [2] Deutschland droht den Trend zur Elektromobilität zu verschlafen.

Seit Jahren erzählt uns die Bundesregierung, dass sie Elektroautos fördern und die Ladeinfrastruktur ausbauen wird, das sei ein Beitrag zum Klimaschutz. Bundeskanzlerin Angela Merkel will bekanntlich "im Laufe des 21. Jahrhundert vollständig auf die Nutzung von Öl, Kohle und Gas verzichten", wie sie etwa Mitte 2015 bekundete. Und der Verkehrssektor habe in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Bedeutung. [3] Deutschland soll in puncto Elektrofahrzeuge zu einem Leitmarkt werden, die Bundesregierung hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen. Allerdings glänzt sie, wie auf anderen Gebieten, etwa dem Bau von bezahlbaren Wohnungen, hauptsächlich durch Ankündigungen. Die Steuereinnahmen steigen und steigen, dennoch will die Bundesregierung die Investitionen reduzieren. Ökonomisch ist das widersinnig.

Ein Beispiel: Heddesheim, eine Gemeinde von knapp 12.000 Einwohnern in der Nähe von Mannheim, hat jetzt die erste öffentliche Elektrotankstelle mit einer einzigen Ladesäule bekommen. [4] Wirklich, Sie lesen richtig: die allererste! Statistisch gesehen besitzen 56,4 Prozent der Einwohner Deutschlands einen Pkw. Falls Heddesheim diesbezüglich nicht aus dem Rahmen fällt, wovon auszugehen ist, sind dort rund 6.400 Pkw zugelassen. Und wenn man den Heddesheimern Elektrofahrzeuge schmackhaft machen will, ist eine einzige Elektrotankstelle natürlich ein Witz. Bei der Ladeinfrastruktur klaffen keine Löcher, sondern gewaltige Krater, vor der Inbetriebnahme der ersten Elektrotankstelle im Ort mussten die Heddesheimer nämlich zum Aufladen nach Dossenheim (13,6 km entfernt) oder zur SAP-Arena nach Mannheim (10,9 km entfernt) fahren. Kein Wunder, wenn unter diesen Voraussetzungen der Absatz von Elektrofahrzeugen äußerst schleppend in Gang kommt.

Heddesheim gehört zum Rhein-Neckar-Kreis, laut Kraftfahrbundesamt waren mit Stand 1. Januar 2018 im gesamten Kreis lediglich 460 reine Elektrofahrzeuge und 2.370 Hybrid-Fahrzeuge zugelassen, das sind 0,13 bzw. 0,69 Prozent des gesamten Pkw-Bestands (344.339). [5] Es ist absehbar: Wenn sich nichts drastisch ändert, wird Deutschland nicht nur seine Klimaziele verfehlen, sondern auch seine Zukunft als Automobilherstellerland aufs Spiel setzen. Bei der Digitalisierung (Stichworte KI, Ausbau des Glasfasernetzes, Programmieren als reguläres Lehrfach in der Schule) sieht es ja ähnlich aus: Seit Jahren vollmundige Ankündigungen, denen aber in der Praxis kaum Taten folgen. In Zeiten sprudelnder Steuereinnahmen, niedriger Zinsen und hoher Haushaltsüberschüsse müssten wir eigentlich kräftig investieren. Man fragt sich: Wann, wenn nicht jetzt? Und was sagt die Bundesregierung? Blablabla! Sie kriegt es einfach nicht gebacken.

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[1] heise.de vom 25.04.2018
[2] Focus-Online vom 19.01.2018
[3] Bundesregierung vom 16.06.2015
[4] Mannheimer Morgen vom 12.05.2018
[5] Kraftfahrtbundesamt, Bestand an Kraftfahrzeugen und Kraftfahrzeuganhängern nach Zulassungsbezirken, Excel-Datei mit 322 kb