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25. Juli 2018, von Michael Schöfer
Die Renaissance der Nächstenliebe


Markus Söder ist bekanntlich ein guter Christ, weshalb er, schwer gezeichnet von den sich nahezu endlos hinziehenden Kämpfen mit König Horst, seine bayerische Heimat mit unzähligen Kreuzen beglückte. "Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes ist als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns gut sichtbar ein Kreuz anzubringen", verordnete er kurz nach der Inthronisierung. Das war seine erste Großtat. Hosianna, der Lohn im Himmel sei ihm gewiss. Immerhin hat Söder damit das Seelenheil seiner Landsleute gerettet, denn dem Christentum kann nun keiner mehr entkommen - ned amoi so an damischa Heide.

Matteo Salvini, der italienische Innenminister und offenbar Söders Bruder im Geiste, will nun auch Kruzifixe in allen öffentlichen Gebäuden seines Landes aufhängen lassen. [1] Hosianna, der Lohn im Himmel sei ihm ebenfalls gewiss. Bedauerlicherweise sind die Italiener seit langem vom unseligen Geist des Relativismus befallen, aber zur Erbauung der ganzen Christenheit werden sie fortan von Salvini auf den rechten Weg zurückgeführt. "Folgt dem Herrn", "folgt dem Herrn", ruft der Vorsitzende der Lega Nord fast wie im Rausch. Und die ganze Nazion [sic!] klatscht begeistert Beifall.

Segensreich als Gärtner im Weinberg des Herrn zu wirken wurde beiden schon in die Wiege gelegt. Schließlich hörte auch der Verfasser des ältesten Evangeliums auf den Namen "Markus". Mit diesem Vornamen waren von jeher viele Heilige gesegnet, und der jüngste herrscht jetzt eben in der bayerischen Staatskanzlei. Matteo wiederum ist die italienische Form von Matthäus (Geschenk Gottes). Matthäus war, welch unglaublicher Zufall, der Verfasser des zweitältesten Evangeliums. Sie merken, liebe Leserinnen und Leser, wie sich unter dem Beistand des Heiligen Geistes alles zum Besten zusammenzufügen beginnt. Ein zweitausendjähriger Kreis nähert sich unaufhaltsam der Vollendung.

Heilige, oder zumindest den Heiligen Gleichgestellte, können nicht irren. Wenn Markus und Matteo also sagen, zum Seelenheil ihrer Mitmenschen bedürfe es der demonstrativen Zurschaustellung des Kreuzes, dann kann es daran keinen vernünftigen Zweifel mehr geben. Außerdem wartet die Christenheit sehnsüchtig auf die eigentlich längst überfällige Neuinterpretation der Heiligen Schrift. Wer hätte das gedacht: Es gibt im Neuen Testament unglaublich viele Irrtümer. Auch dieser schweren Aufgabe haben sich Markus und Matteo verschrieben, und selbstverständlich werden sie sich an die Herkulesaufgabe nur mit der ihnen wesenseigenen Demut heranwagen.

So steht etwa beim biblischen Matthäus: "Nachdem die Sterndeuter fortgezogen waren, erschien ein Engel Gottes Josef im Traum und befahl ihm: 'Steh schnell auf, und flieh mit dem Kind und seiner Mutter nach Ägypten! Bleibt so lange dort, bis ich euch zurückrufe, denn Herodes sucht das Kind und will es umbringen.' Da brach Josef noch in der Nacht mit Maria und dem Kind nach Ägypten auf. Dort blieben sie bis zum Tod von Herodes." Mit dem "Kind" war natürlich Jesus gemeint, der Sohn Gottes.

Dieser "Asyltourismus" sei nicht hinnehmbar, meint dagegen der neuzeitliche Markus. Christliches Behördenkreuz hin oder her. Und Matteo hätte seinerzeit als ägyptischer Innenminister bestimmt ungerührt sämtliche Grenzübergänge und Häfen geschlossen. Gott ein Flüchtling? Impossibile, kann doch gar nicht sein! Riecht vielmehr nach illegalem Grenzübertritt. Und dass sich Flüchtlinge häufig falsche Identitäten zulegen, ist ja ein offenes Geheimnis. Gottes Sohn, ich bitte Sie… Billiger Trick, darauf fällt doch ein Salvini nicht herein!

Nach der dringend notwendigen Überarbeitung der Heiligen Schrift wird sich wahrscheinlich Herodes als eigentlicher Held der biblischen Geschichte entpuppen, weil er uns als Einziger das "Menschenfleisch" (O-Ton Salvini über Migranten) vom Leibe halten wollte. Liebe Maria, lieber Josef, lieber Jesus, Pech gehabt: Es gibt kein Recht auf Einwanderung in unsere Sozialsysteme. Verfolgung? Pah, da könnten ja dann auch die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge kommen. Schluss, aus, finito!

Aber es kommt noch besser: Ein gewisser Petrus wird künftig nur noch als Negativbeispiel dargestellt, weil wir momentan im Mittelmeer alles brauchen, bloß keine "Menschenfischer". Die nennt man heutzutage "Schlepper" oder sogar - horribile dictu - "Seenotretter". Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen, denn ihnen gehört das Himmelreich? Wenn ich Markus und Matteo richtig verstehe, bekommen die noch nicht einmal ein Asylverfahren. Vom Himmelreich ganz zu schweigen. "Wer dich bittet, dem gib", "liebt eure Feinde", "was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" - alles so überflüssig wie ein Kropf. Zu guter Letzt wird das von jeglichem Mitleid entkernte Christentum hoffentlich in neuem Glanz erstrahlen. Hosianna, hosianna!

Wenn Markus und Matteo dereinst in der Nachfolge von Jorge Mario Bergoglio alias Franziskus im Vatikan die erste echte Doppelspitze der Kirchengeschichte etablieren, werden sich die Gläubigen in aller Welt still und leise daran erinnern: Ursprünglich begann die Renaissance der Nächstenliebe mit dem Aufhängen von Kreuzen. Und was will man daraufhin erwidern? Am besten nichts!

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[1] Der Standard vom 24.07.2018