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27. Juli 2018, von Michael Schöfer
Gelten für Mesut Özil andere Maßstäbe?


Selten ist um ein Foto so viel Bohei gemacht worden: Mesut Özil übergibt dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sein Fußballtrikot (das vom FC Arsenal, nicht das der Nationalmannschaft). Der Fußballprofi hat dazu trotz heftiger Kritik lange geschwiegen, ist dann aber als Nationalspieler zurückgetreten. Er werde "rassistisch angefeindet und nicht respektiert", beklagt Özil.

Das Foto mit Erdogan ist aus meiner Sicht durchaus kritikwürdig, weil der türkische Präsident in seinem Land gerade die Demokratie zerstört. Aber es ist das gute Recht von Özil, für Erdogan zu sein, schließlich leben wir hier in einer Demokratie. Der türkische Despot mag dafür gesorgt haben, dass in der Türkei die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist, doch Deutschland ist zum Glück anders. Wenn Özil Erdogan gut findet, muss einem das nicht gefallen, ist jedoch zu respektieren. Auch Nationalspieler dürfen eine politische Meinung haben. Allerdings muss sich Özil dafür zu Recht Kritik gefallen lassen, denn das gehört ebenfalls zur Demokratie. Wohlgemerkt: Kritik, aber keine rassistischen Anfeindungen.

Özil habe als Nationalspieler eine Vorbildfunktion, wird behauptet. Und Fotos mit Erdogan seien mit dieser Vorbildfunktion nicht vereinbar. Warum eigentlich? Edmund Stoiber soll Presseberichten zufolge seit langem mit Wladimir Putin befreundet sein und lässt sich zur Begrüßung von ihm sogar umarmen. Trotz Einschränkung der Pressefreiheit in Russland, trotz Annexion der Krim, trotz Willkür der Justiz, trotz Abschuss einer Passagiermaschine, trotz Unterstützung der Rebellen in der Ukraine, trotz militärischer Hilfe für Baschar al-Assad und trotz der Manipulation von Wahlen. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder ist ebenfalls mit Putin befreundet. Umarmungen inbegriffen. Horst Seehofer umarmt Viktor Orban - trotz der in Ungarn herrschenden "illiberalen Demokratie", trotz des drohenden Vertragsverletzungsverfahrens wegen Missachtung der Rechtsstaatlichkeit.

Okay, alle drei mussten dafür Kritik einstecken, doch ist diese dann rasch wieder abgeebbt. Nur bei Mesut Özil hat die Kritik bis zuletzt angehalten, nunmehr über zweieinhalb Monate hinweg. Haben Stoiber, Schröder und Seehofer etwa keine Vorbildfunktion? Seehofer ist als Bundesinnenminister sogar Verfassungsminister und hat die Aufsicht über die Wahrung der Verfassung und der verfassungsgemäßen Rechte der Bürger. Darf er Orban dennoch umarmen? Mehr Sympathie kann man eigentlich gar nicht zeigen. Wäre angesichts der fragwürdigen Verhältnisse in Ungarn deutliche Distanz nicht angebrachter? Warum kritisiert man Özil für etwas, das bei Stoiber, Schröder und Seehofer mehr oder weniger klaglos hingenommen wird? Warum soll sich Özil rechtfertigen, während sich die drei "Biodeutschen" offenbar diesbezüglich alles erlauben können? Weil Özil türkischstämmig ist? Weil Özil Muslim ist? Das wäre ja in der Tat rassistisch.

Von daher kann ich Menschen mit Migrationshintergrund verstehen, wenn sie das Gefühl haben, in Deutschland nicht richtig dazuzugehören und nach anderen Maßstäben beurteilt zu werden. "Wenn wir gewonnen haben, war ich ein Deutscher, wenn wir verloren haben, ein Immigrant", beklagt sich Özil. Hat er wirklich unrecht? Ich habe noch nie in meinem Leben die Nationalhymne gesungen, aber es hat mir deswegen nie jemand mangelnde Integrationsfähigkeit attestiert. Bei einem gebürtigen Deutschen mit, soweit ich es überblicken kann, ausschließlich deutschen Vorfahren, wäre so etwas sicherlich auch absurd. Bei Mesut Özil ist das anders. Warum? Weil Özil türkischstämmig ist? Weil Özil Muslim ist? Gelten bei ihm andere Maßstäbe als bei mir?

Ich bin für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Einhaltung der Menschenrechte, Presse- und Meinungsfreiheit etc. Von daher hege ich gegen Erdogan verständlicherweise eine große Abneigung. Was Mesut Özil über all das denkt, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Was ich jedoch weiß, ist, dass man an ihn - unabhängig von seiner Herkunft - die gleiche Messlatte anlegen muss, wie an alle anderen Menschen. Das gebietet schon allein das Gleichbehandlungsgebot des Grundgesetzes.