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24. Januar 2019, von Michael Schöfer
Tomaten auf den Augen


Offenkundig ist heutzutage nicht mangelndes Wissen das Problem, sondern die unzureichende Verknüpfung von Informationen und das daraus resultierende Ausbleiben der eigentlich notwendigen Maßnahmen. Das Wissen selbst ist ja im Grunde vorhanden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel plädiert beim Weltwirtschaftsforum in Davos "für Zusammenarbeit statt Protektionismus" und sucht dort "nach Verbündeten für den Multilateralismus". Sie warnt: "Alles andere würde ins Elend führen." [1] Das hört sich zwar gut an, doch die von ihr geführte Bundesregierung hält sich in der Realität bei international abgestimmten Maßnahmen vornehm zurück und betätigt sich des Öfteren als Bremser. So hat sie etwa den französischen Präsidenten Macron mitsamt seinen Vorschlägen zur Reform der Eurozone auflaufen lassen. Und das, was kürzlich nach langem Hin und Her beschlossen wurde, ist lediglich ein Placebo zur Gesichtswahrung. Die Bankenkrise sei noch nicht überstanden, mahnt Merkel. Doch was tut sie dagegen? Einführung der Finanztransaktionssteuer? Stimmt, da war mal was, es blieb aber bislang bei Absichtserklärungen. Mehr Transparenz in Steuerfragen? Deutschland hat Bedenken und blockiert die Einführung des öffentlichen Country-by-Country-Reporting. Schärfere Abgas-Grenzwerte in Europa? Die Bundesregierung tritt aufs Bremspedal, kann aber zum Glück nicht alles verhindern. Von den exorbitanten Außenhandelsüberschüssen, die ein Ergebnis des deutschen Egoismus sind (die Überschüsse des einen sind bekanntlich die Defizite des anderen), ganz zu schweigen. Merkels Devise lautet: Zusammenarbeit? Nur wenn sie uns Deutschen nützt!

Die "Klimakanzlerin" schwadroniert gerne über die Dekarbonisierung, verfehlt aber die selbstgesteckten Klimaziele deutlich. Die Treibhausgasemissionen des Verkehrsbereichs, die immerhin fast ein Fünftel der Gesamtemissionen ausmachen, sind zwischen 1990 und 2017 sogar um 2,2 Prozent gestiegen. [2] Dessen ungeachtet bezeichnet Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer den Vorschlag eines Tempolimits von 130 km/h auf deutschen Autobahnen als "gegen jeden Menschenverstand" gerichtet. Mit Verlaub, das ist echt beSCHEUERt. Mittlerweile schrumpfen nämlich die Eismassen der Antarktis und Grönlands schneller als je zuvor: "Der Eispanzer der Antarktis schmilzt mit zunehmendem Tempo ab. Während der Kontinent in den 1980er Jahren noch 40 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr verlor, ist der Verlust in diesem Jahrzehnt auf 252 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr gestiegen." [3] "Anfang 2003 verloren der grönländische Eisschild und seine ausgelagerten Eiskappen noch 102 Gigatonnen Eis pro Jahr. (…) Nur zehneinhalb Jahre später ist die Rate des Eisverlusts um das fast Vierfache angestiegen – auf 393 Gigatonnen pro Jahr." [4] Das bedeutet, die Küsten werden weltweit unweigerlich absaufen. Wie laut müssen die Alarmsirenen eigentlich heulen, bis die Bundesregierung aufwacht und ihren Worten endlich Taten folgen lässt? Andreas Scheuer hat recht, bloß der Adressat ist der falsche: Die Ignoranz der Regierenden ist gegen jeden Menschenverstand gerichtet!

All das wissen wir seit langem, es mangelt uns daher nicht an Wissen. Woran es mangelt, sind die Konsequenzen, die wir aus diesem Wissen ziehen müssten. Obgleich ihm die lebensbedrohenden Folgen klar vor Augen stehen, benimmt sich der Homo sapiens, als hätte er Tomaten auf denselben.

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[1] Berliner Morgenpost vom 23.01.2019
[2] Umweltbundesamt vom 18.01.2019
[3] Süddeutsche vom 15.01.2019
[4] scinexx vom 22.01.2019