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27. Januar 2019, von Michael Schöfer
Heureka, das ist die Lösung!


Die baden-württembergische CDU hat auf einer Klausurtagung gefordert, die Grenzwerte für Stickoxide auf den Straßen neu festzulegen. Lungenfachärzte hatten zuletzt Zweifel an deren Schädlichkeit geäußert, was die CDU natürlich prompt aufgriff. Dass andere Wissenschaftler Zweifel an der Expertise der Pneumologen anmeldeten, hat die CDU geflissentlich ignoriert. Neu festlegen heißt vermutlich, höhere Grenzwerte beschließen. Mein Gott, da denken Ärzte, Wissenschaftler, Umweltschützer, Juristen, Verkehrsexperten und Autobauer jahrelang vergeblich darüber nach, wie man Fahrverbote in den Innenstädten verhindern kann - und die CDU hat in einer genialen Eingebung endlich das Patentrezept gefunden: einfach die Grenzwerte erhöhen! Für Fahrverbote besteht dann überhaupt kein Grund mehr. Es dauert bestimmt nicht lange, da empfiehlt uns die CDU den Umzug ans Stuttgarter Neckartor, weil Stickoxide so gesund sind. Wie bitte, das wussten Sie nicht? Nun, fragen Sie Ihren Lungenfacharzt.

Ich bin echt beeindruckt, diese Lösung kann man sicherlich auch auf andere Bereiche übertragen. Dass Rotwein die Blutgefäße vor Verkalkung schützt, ist hinlänglich bekannt. Doch selbst geringe Mengen Alkohol schaden unserer Gesundheit, behaupten jedenfalls britische Forscher. Vor allem das Gehirn leide unter dem Konsum von Alkohol. Wesentlich sympathischer sind mir die Erkenntnisse eines finnischen Wissenschaftlers, der sich angeblich schon seit vielen Jahren mit der Erforschung von Alkohol und den daraus resultierenden gesundheitlichen Folgen befasst. Er versichert: Eine Flasche Rotwein pro Tag ist gesünder als totale Abstinenz. Die Grenzwerte für Alkohol seien viel zu niedrig angesetzt. Mir fällt es wie Schuppen von den Augen, der Mann hat vollkommen recht - und ich habe ab sofort eine Entschuldigung für den abendlichen Schlummertrunk. Alles nur wegen den Blutgefäßen, versteht sich. Außerdem wird die Notwendigkeit von gesunden Gehirnen im Allgemeinen überschätzt. Ich sag' jetzt mal bloß "CDU".

Grenzwerte für CO2-Emissionen von Kraftfahrzeugen? Viel zu niedrig! Würden Sie zu Hause nicht gerne auch im Winter an den Badesee fahren und sich dadurch die kostspielige Flugreise auf die Kanaren sparen? Na, sehen Sie! Reimt sich sogar: Wenn die Gletscher schmelzen, kann das Ihrem Wunsch nur helfen. Grenzwerte für Zucker in Lebensmitteln? Reine Willkür! Wissenschaftler der Zuckerindustrie sind sich einig: Die Werte des Body-Mass-Index werden völlig falsch interpretiert. Und Fashion-Experten sagen voraus: Dick ist schick - das liegt im Trend. Künftig fangen Kleidergrößen daher erst bei XXL an. Mehr als die Hälfte der Deutschen hat Übergewicht? Pah, ein Federstrich genügt, und die Mehrheit der Deutschen hat endlich Normalgewicht. Glauben Sie mir, die sind total begeistert. Grenzwerte für hochfrequente elektromagnetische Felder beim Mobilfunk? Behindert doch bloß den 5G-Ausbau. Ist schließlich eine physikalische Binsenweisheit: Je stärker die Sender, desto kleiner die Funklöcher. Das spart den Mobilfunkfirmen jede Menge Geld, was sich wiederum in preiswerteren Tarifen niederschlägt. Eine Win-win-Situation. Nörgler sollen sich gefälligst einen Aluhut kaufen. Gibt es neuerdings auch - siehe oben - in XXL.

Grenzwerte für dumme Kommentare im Internet? Noch nie davon gehört! Was sagen Sie? Das merkt man? Unverschämtheit.