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16. Februar 2019, von Michael Schöfer
Wer wohl die verblendeten, ignoranten Ideologen sind?


"Liebe Leser, am vorgestrigen Montag konnte man bei Frank Plasberg in seiner Sendung 'Hart aber fair' gut beobachten, warum es mit Deutschland bergab geht: Weil verblendete, ignorante Ideologen dieses Land mit Karacho gegen die Wand fahren, und zwar fernab wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse", ätzte der AfD-Politiker Jörg Meuthen auf Facebook. [1] "Das, was wir als AfD seit Monaten predigen, wurde in dieser Sendung von einem der anerkanntesten Fachleute für Lungenerkrankungen in Deutschland, Professor Dr. Dieter Köhler, eindeutig bestätigt. Er legte eindrucksvoll dar, dass der genannte Grenzwert im wahrsten Sinne des Wortes Schall und Rauch ist - selbst bei einer VERDOPPELUNG drohe keinerlei Gesundheitsgefahr!"

Und auf "Tichys Einblick" schrieb der Wissenschafts- und Technikjournalist Holger Douglas (Autor des Buches "Die Diesel-Lüge") über die gleiche Sendung: "Prof. Dr. Dieter Köhler ist der Mann des Abends. Er ist einer der wenigen wirklichen Fachleute, die seit langem öffentlich den Unsinn von den schädlichen Feinstäuben und Stickoxiden zurückweisen und so etwas wie einen wissenschaftlichen Beweis anführen: Dann müßten Raucher, die um millionenfach höhere Feinstaubmengen einatmen, wie die Fliegen umfallen. Das tun sie offenkundig nicht. Also kann an der angeblichen Gefahr der geringen Feinstaubmengen in den Straßen nichts dran sein." [2]

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat die Einwände der Lungenfachärzte um Professor Köhler dankbar entgegengenommen. "'Der wissenschaftliche Ansatz hat das Gewicht, den Ansatz des Verbietens, Einschränkens und Verärgerns zu überwinden', sagte Scheuer den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die Initiative der mehr als hundert Mediziner sei ein wichtiger und überfälliger Schritt, um 'Sachlichkeit und Fakten in die Diesel-Debatte zu bringen'." [3] Er kündigte sogleich Konsequenzen aus der Kritik an den Feinstaub-Grenzwerten an. "Ich werde die Initiative der Ärzte zum Thema im nächsten EU-Verkehrsministerrat machen. (…) Der Aufruf der Lungenärzte muss dazu führen, dass die Umsetzung der Grenzwerte hinterfragt und gegebenenfalls verändert wird." [4] Alle der Autoindustrie nahestehenden Politiker schienen - im Gegensatz zu den von Autoabgasen betroffenen Bürgern - buchstäblich aufzuatmen: Endlich sagt mal einer die Wahrheit. Gemeint war Dieter Köhler, der NO2 [Stickstoffdioxid] sogar als "besonders ungefährlich" bezeichnete. [5] Wenn es "einer der wenigen wirklichen Fachleute" sagt, dann muss es schließlich stimmen. Oder nicht?

Zweifel an der Expertise von Professor Köhler und seinen Mitunterzeichnern gingen anfangs im Medien-Hype nahezu komplett unter. Das seien alles Laien, lediglich behandelnde Ärzte und Ärztinnen, erlaubte sich Professor Nino Künzli, Vizedirektor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, zu erwähnen. [6] Vollkommen nutzlos, aus dem Schneeball war längst eine Lawine geworden. Auch dass Thomas Koch, ein Co-Autor des Papiers, gar kein Pneumologe ist, sondern als gelernter Maschinenbauer lange Zeit bei Daimler Verbrennungsmotoren entwickelte, tat der Begeisterung zunächst keinen Abbruch. Wer angesichts dessen eine konzertierte Aktion von Politik und Autoindustrie zur Abwendung von Fahrverboten unterstellte, wurde als Verschwörungstheoretiker geschmäht. Alles reiner Zufall. Selbstverständlich.

Doch nun kommt heraus: Der Herr Professor hat sich, wie die taz aufdeckte, schlicht und ergreifend verrechnet. [7] Der selbsternannte Experte habe zudem "nie wissenschaftlich zum Thema publiziert". Oops, der Kaiser hat ja gar keine Kleider an. Ei der Daus. Das Diesel-Desaster basiert auf reiner Hysterie? Mitnichten, vielmehr entpuppen sich die "wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse" von Dieter Köhler als banale Rechenfehler. Peinlich, peinlich. Und was macht der sonst so mitteilungsfreudige Jörg Meuthen? Er schweigt. Zwar äußert er sich abermals zum vermeintlichen "Diesel-Desaster", doch der Name Dieter Köhler fällt dabei kein einziges Mal. [8] Komisch, vorher konnte ihn die AfD doch nicht oft genug zitieren. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer forderte gestern bei der Grenzwert-Debatte erneut "mehr Sachlichkeit", ging aber über die Rechenfehler von Dieter Köhler ebenfalls großzügig hinweg. Auch Scheuer schweigt sich dazu bislang aus. Merke: Sachlich ist nur, was ihm politisch in den Kram passt. Objektivität? Pustekuchen! Und auf "Tychis Einblick" bekommen wir erwartungsgemäß gerade das nicht: Einblick. Holger Douglas sind die Rechenfehler keine Erwähnung wert, dabei schreit dieser Skandal förmlich nach Aufklärung. [9]

Ich frage mich ernsthaft, wer wohl die "verblendeten, ignoranten Ideologen" sind, die "dieses Land mit Karacho gegen die Wand fahren". Aber vermutlich kommen mir beim Nachdenken ganz andere Namen in den Sinn.

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[2] Tichys Einblick vom 22.01.2019
[3] FAZ.Net vom 23.01.2019
[4] Focus vom 27.01.2019
[5] Deutschlandfunk vom 14.12.2018
[6] Deutschlandfunk vom 24.01.2019
[7] taz vom 13.02.2019
[8] Facebook-Seite von Jörg Meuthen vom 16.02.2019
[9] Tychis Einblick vom 13.02.2019