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17. Februar 2019, von Michael Schöfer
So viel Optimismus ist übermenschlich


Man fragt sich des Öfteren, warum die Menschheit mit so viel Blindheit geschlagen ist. Ist die selbsternannte "Krone der Schöpfung" außerstande, die akute Gefahr für ihre eigene Existenz zur Kenntnis zu nehmen? Eigentlich nicht, das Wissen darüber ist durchaus vorhanden. Aber es ist dem Homo sapiens offenkundig nicht gegeben, daraus auch die richtigen Schlüsse für sein Handeln zu ziehen. Es mangelt nach wie vor an vernetztem Denken, vieles wird bloß isoliert betrachtet. "Deutschland - 'Der kränkelnde Mann Europas'", titelte zum Beispiel kürzlich Welt-Online. Grund: Die Ökonomen der Deutschen Bank sagen unserer Volkswirtschaft im laufenden Jahr nur noch ein Wachstum vom 0,5 Prozent voraus. Die Prognose der Bundesregierung ist mit 1,0 Prozent etwas günstiger. [1]

Das klingt besorgniserregend, doch sind wir tatsächlich krank, bloß weil die Wirtschaft nur um 0,5 Prozent wächst? Die Aussage der Welt belegt, wie weit sich der Journalismus von der Realität entfernt hat. Dass die Ökonomie mit ihrem Wachstumsfetischismus in die falsche Richtung läuft, wird anscheinend ignoriert. Deutschlands Wirtschaft würde schließlich selbst bei einem derart mickrigen Wachstum bis zum Ende des Jahrhunderts exakt um die Hälfte wachsen. Genauer: um 50,53 Prozent. 2018 erwirtschaftete die Bundesrepublik ein Bruttoinlandsprodukt von 3.388,20 Mrd. Euro, 2100 würden wir bei einem jährlichen Realzuwachs von 0,5 Prozent 5.100,19 Mrd. Euro erzielen. (Bei einem jährlichen Realzuwachs von 1,0 % wäre es ein Plus von 126,13 % und ein BIP von 7.661,64 Mrd. €.) [2] Ökonomen lächeln jetzt bestimmt, denn in den letzten 10 Jahren wuchs das BIP im Durchschnitt sogar um 1,2 Prozent, doch mein Ansatz ist kein ökonomischer, sondern ein ökologischer. Meine Frage lautet: Was bedeutet dieses Wachstum für die Umwelt? Ökologen werden vermutlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Eine Katastrophe! Jedenfalls solange das Wachstum in traditionellen Bahnen verläuft.

Gedanklich steuern wir schon lange um, aber wie sieht es damit in der Praxis aus? Trotz unbestreitbarer Erfolge in bestimmten Sektoren (z.B. bei den regenerativen Energien) bleiben erhebliche Zweifel. Unser ökologischer Fußabdruck wird nämlich nicht kleiner, sondern trotz der Bemühungen von Jahr zu Jahr größer. Der Earth Overshoot Day, "der Tag des laufenden Jahres, an dem die menschliche Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen das Angebot und die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen in diesem Jahr übersteigt", war im Jahr 1971 der 21. Dezember und stimmte noch fast mit dem Kalenderjahr überein. 2018 überlasteten wir die Ressourcen unseres Planeten jedoch bereits am 1. August. [3] Momentan verbrauchen wir Ressourcen in einem Ausmaß, als gäbe es 1,7 Erden. Es existiert freilich, wie wir alle wissen, nur eine einzige. Doch das sind die Durchschnittswerte für die gesamte Menschheit, der Earth Overshoot Day 2018 in Deutschland war der 2. Mai. Und in den verschwendungssüchtigen USA war es der 15. März. [4] Die Deutschen leben somit, als gäbe es drei Erden, die Amerikaner, als gäbe es fünf. Vor diesem Hintergrund kann man erahnen, welch verheerende Folgen ein 50-prozentiger Realzuwachs des BIP haben könnte.

Ach, vieles wäre wesentlich einfacher, würde der Mensch nicht nur labern, sondern endlich einmal durchgreifend handeln. Beispiel Artensterben: Ausweislich des Plenarprotokolls hat der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Ehmke (Grüne) bereits am 5. Mai 1983, seine Partei saß erst seit wenigen Wochen im Deutschen Bundestag, in einer Debatte auf das "Pflanzen- und Tierartensterben" aufmerksam gemacht. [5] Das ist fast genau 36 Jahre her. Ob dort zuvor schon einmal der Begriff "Artensterben" fiel, entzieht sich meiner Kenntnis. Ein Terminus, den vor den Ökologen wohl hauptsächlich die Paläontologen (Wissenschaftler, die sich mit Lebewesen und Lebenswelten der geologischen Vergangenheit befassen) verwendet haben dürften.

Zweieinhalb Jahre danach echauffierte sich der SPD-Bundestagsabgeordnete Jürgen Vahlberg: "Auf unsere Frage nach den vom Aussterben bedrohten Tierarten stellt die Bundesregierung fest, daß in den nächsten 10 bis 30 Jahren zahlreiche Arten vom Aussterben bedroht seien; 53 % der Säugetiere, 53 % der Vögel, 70 % der Kriechtiere, 60 % der Lurche, 48% der Fische und 70 % der Weichtiere. Muß uns nicht vor uns selbst grausen angesichts solcher Daten? Das Artensterben ist in den 'Roten Listen' fein säuberlich vermerkt. Diese 'Roten Listen' sind Bankrotterklärungen der staatlichen Naturschutzpolitik." [6]

Und am 16. Februar 1989 mahnte Hans-Jochim Brauer, damals Bundestagsabgeordneter der Grünen, im Hohen Haus: "Angesichts der sich zuspitzenden ökologischen Krise allgegenwärtiger Umweltvergiftung, Biotop- und Artensterbens, Landschaftverbrauchs und, und, und ist die Zeit die knappste Ressource. Zeitverschwendung ist Umweltverschwendung." Liesel Hartenstein von der SPD sprang ihm bei: "Wir konstatieren einen galoppierenden Artenrückgang. Von Vögeln, Schmetterlingen, Kriechtieren und Insekten sind bereits rund 50 % verschwunden, und das Artensterben geht weiter." [7]

Das eigentlich Erschreckende ist, dass die Aussagen der Bundestagsabgeordneten auch heute noch aktuell sind. Diese Tatsache zeigt, wie wenig sich inzwischen verbessert hat, obgleich alles frühzeitig bekannt war. Im Gegenteil, es ist sogar noch schlimmer geworden. 1992 beschloss die Weltgemeinschaft in Rio de Janeiro das Übereinkommen über die biologische Vielfalt. Ziele waren der Schutz der biologischen Vielfalt, die nachhaltige Nutzung ihrer Bestandteile und die ausgewogene und gerechte Aufteilung der sich aus der Nutzung der genetischen Ressourcen ergebenden Vorteile. Hat die Biodiversitätskonvention geholfen? Nein, denn derzeit "gelten rund 26.500 Pflanzen- und Tierarten als bedroht. Das sind 10.000 mehr als noch vor rund zehn Jahren." [8] Ein neuer Negativrekord.

Ungeachtet der unzähligen Debatten - es weiter abwärts. Wir erleben das größte Artensterben seit dem Ende der Kreidezeit, als u.a. die Dinosaurier ausstarben. Der WWF (World Wide Fund For Nature) stellt nüchtern fest: "Der Living Planet Index (LPI) ist ein Gradmesser für den ökologischen Zustand der Erde. Der Index basiert auf wissenschaftlichen Daten von 16.704 untersuchten Populationen und 4.005 Wirbeltierarten auf der ganzen Erde: Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien. Der globale Living Planet Index stellt den relativen Gesamtrückgang von Wirbeltierbeständen um 60 Prozent zwischen 1970 und 2014 fest." [9] Schätzungen zufolge verschwinden derzeit pro Tag 150 Arten vom Angesicht des Planeten. [10]

Doch Wirbeltiere gehören zu den sichtbaren Arten, die kleinen werden leider gerne übersehen. Deshalb wurden viele von der Meldung überrascht, dass die Bestände von Insekten in den vergangenen 25 bis 30 Jahren weltweit stark abgenommen haben, die Biomasse der Kerbtiere schrumpft derzeit jährlich um 2,5 Prozent. "Wenn es so weitergeht, gibt es die wichtigen Tiere in 100 Jahren nicht mehr", lautet das deprimierende Fazit. [11] Die schlimmsten Befürchtungen bestätigen sich: "In einigen Regionen [Deutschlands] wurde ein dramatischer Rückgang von bis zu 75 Prozent in den letzten Jahrzehnten nachgewiesen." [12] Das Insektensterben könnte eine fatale Kettenreaktion auslösen, Rachel Carsons "Stummer Frühling" durchaus Realität werden: Die rund 6.000 Insekten fressenden Vogelarten sterben nach dem Verschwinden ihrer Nahrungsgrundlage ebenfalls aus, viele Oberflächenfische fressen Insekten oder deren Larven, das Gros der Wildpflanzen wird von Insekten bestäubt - kurzum, komplette Nahrungsketten könnten schlagartig kollabieren. Und an deren Ende steht der Mensch. Eine Spezies, deren Individuenzahl nach den Prognosen der Vereinten Nationen von heute 7,7 Mrd. bis zum Ende des Jahrhunderts auf 11,2 Mrd. anwächst. Menschen, die alle ernährt werden wollen und dabei ihren Mitgeschöpfen den Lebensraum wegnehmen. Uns müsste bewusst sein: Der Niedergang beginnt nicht irgendwann, er hat längst eingesetzt, wir stecken mittendrin.

Ich weiß, abermals viel zu viele Zahlen, viel zu viele Fakten. Werde ich mich je bessern? Wahrscheinlich nicht. Doch was mich umtreibt ist die bestürzende Tatsache, dass der Homo sapiens anscheinend lieber dem Orchester auf der sinkenden Titanic lauscht, als in allerletzter Minute einen entschlossenen Rettungsversuch zu unternehmen. Banales, die Medien sind voll davon, ist ihm offenbar wichtiger als das eigene Überleben. Jeder einigermaßen mit Vernunft Gesegnete greift sich angesichts des weitverbreiteten Kurzfrist- und Kirchturmdenkens buchstäblich an den Kopf. Es ist schizophren: 71 Prozent der Deutschen fühlen sich vom Klimawandel bedroht [13], dennoch verzeichneten 2017 die spritschluckenden SUV bei den Pkw-Neuzulassungen mit 22,5 Prozent den höchsten Zuwachs [14]. Warum fällt es uns so schwer, der Erkenntnis Taten folgen zu lassen? Ist es wirklich so: The party must go on - komme, was da wolle? Es stimmt absolut, richtig schlau wird man aus dem Homo sapiens (weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch) nicht. Wie war das nochmal mit dem Apfelbäumchen? Martin Luther: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen." So viel Optimismus ist übermenschlich.

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[1] Die Welt-Online vom 14.02.2019
[2] Statistisches Bundesamt, Inlandsproduktsberechnung, Zinsberechnung mit dem Zinsrechner von zinsen-berechnen.de
[3] Wikipedia, Earth Overshoot Day
[4] overshootday.org, Country Overshoot Days
[5] Deutscher Bundestag, Stenographischer Bericht der 5. Sitzung vom 5. Mai 1983, PDF-Datei mit 3,1 MB
[6] Deutscher Bundestag, Stenographischer Bericht der 172. Sitzung vom 8. November 1985, PDF-Datei mit 2,1 MB
[7] Deutscher Bundestag, Stenographischer Bericht der 125. Sitzung vom 16. Februar 1989, PDF-Datei mit 3,1 MB
[8] Spiegel-Online vom 14.11.2018
[9] WWF, Living Planet Report 2018, PDF-Datei mit 7,3 MB
[10] Die Zeit-Online vom 29.11.2017
[11] Süddeutsche vom 11.02.2019
[12] Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Pressemitteilung vom 01.02.2018
[13] tagesschau.de vom 11.02.2019
[14] KBA, Jahresbilanz der Neuzulassungen 2017