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10. März 2019, von Michael Schöfer
Angst vor Jeremy Corbyn?


Manchmal schildern Journalisten bloß die Symptome, scheuen aber davor zurück, eine angemessene Therapie zu empfehlen. In Großbritannien haben die Messerangriffe von Minderjährigen stark zugenommen, in London und in einer kleinen Gemeinde unweit von Manchester wurden vor kurzem zwei 17-Jährige erstochen. Leider keine Einzelfälle: "Im vergangenen Jahr wurden in England und Wales (Schottland und Nordirland erheben je eigene Statistiken) 285 Menschen erstochen, so viele wie noch nie seit Ende des Zweiten Weltkrieges. (…) Dem Innenministerium zufolge hat sich die Zahl minderjähriger Straftäter, die ihre Opfer mit Messern bedrohten, binnen zwei Jahren um 53 Prozent erhöht." Für die Zunahme der Kriminalität gibt es eine einleuchtende Ursache: "Seit May als damalige Innenministerin der konservativ-liberalen Koalition 2010 das Ruder übernommen hatte, stehen den Polizeibehörden von England und Wales real 19 Prozent weniger Mittel zur Verfügung. Mehr als 20.000 Stellen wurden eingespart." [1]

Hinzu kommen Kürzungen im Sozialbereich, so haben die Kommunalverwaltungen laut Labour-Chef Jeremy Corbyn in den letzten Jahren 3.500 Jugendarbeiter entlassen und mehr als 600 Jugendzentren zugemacht. Ich glaube übrigens irgendwo einmal gelesen zu haben, dass der frühere Premierminister David Cameron teilweise die EU für die Kürzungen verantwortlich gemacht hat, was den Brexiteers im Vorfeld des Austritts-Referendums die Propaganda ungemein erleichterte. Wer anderen eine Grube gräbt...

Wie dem auch sei, fest steht jedenfalls: In Großbritannien wurden wie andernorts die Reichen reicher und die Armen ärmer. Und für gesellschaftlich wichtige Aufgaben war dann eben kein Geld mehr vorhanden. I'm so sorry. Doch muss das zwangsläufig so sein? Natürlich nicht, ist aber eine zwangsläufige Folge der Politik für die Reichen. Die Süddeutsche berichtet: "Nach Recherchen der Tageszeitung The Times sind 28 der 93 britischen Milliardäre, also fast jeder dritte, nicht steuerpflichtig im Königreich, weil sie in Länder mit günstigeren Sätzen umgezogen sind oder dies gerade machen. Als steuerliche Heimat sind Monaco, die Schweiz und die Inseln im Ärmelkanal am beliebtesten. Die Superreichen bleiben britische Staatsbürger, dürfen auch Zeit im Königreich verbringen, aber für die Finanzbehörden gelten sie als Ausländer. Fast die Hälfte der 28 Steuer-Emigranten zog erst in den vergangenen zehn Jahren um." [2] Dass die Steuerflüchtlinge zudem der Partei von Theresa May beträchtliche Summen spenden, ist bestimmt kein Zufall. So wäscht eben eine Hand die andere. Ganz legal, versteht sich.

Okay, jetzt haben wir zwei Symptome beisammen. Und wie heißt die Krankheit? Raubtierkapitalismus? Globalisierung? Neoliberalismus? So ungefähr… Wie könnte die Therapie aussehen? Vielleicht bringt das Motto der Labour-Party die Sache ganz gut auf den Punkt: "For the many, not the few." (Für die vielen, nicht die wenigen.) Jeremy Corbyn ist - horribile dictu - für eine Umverteilung des Reichtums, deshalb wird er von Journalisten bestenfalls als Traumtänzer, von einigen sogar als gefährlicher Ideologe charakterisiert. Alternativen haben sie allerdings keine anzubieten. Gewiss, auch an Corbyn ist nicht alles Gold, was glänzt. Aber wie lange soll es eigentlich noch mit dieser zerstörerischen Art von Kapitalismus weitergehen? Dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden, ist schließlich kein Naturgesetz. Wenn wir nicht endlich damit Schluss machen, dass die wahren Asozialen (die Milliardäre) der Gesellschaft ihren gerechten Anteil vorenthalten, brauchen wir uns über die eingangs geschilderten Auflösungserscheinungen nicht zu wundern. Warum reden wir denn zehn Jahre nach der Beinahe-Kernschmelze des Kapitalismus überhaupt noch über egoistische Steuerflüchtlinge und raffinierte Steuervermeider? Weil es sie skandalöserweise noch immer gibt. Angst vor Jeremy Corbyn? Ach was, die wahren Totengräber der Demokratie sind die konservativen Besitzstandswahrer, die den Blutsaugern stets zu Diensten sind.

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[1] Der Standard vom 06.03.2019
[2] Süddeutsche vom 09.03.2019, Printausgabe, Seite 26