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25. März 2019, von Michael Schöfer
Absolute Spitzenklasse: Free Solo


Wie verrückt muss man sein, wenn man im vierten Obergeschoss eines Hauses auf die Balkonbrüstung steigt? Ziemlich verrückt. Das machen normalerweise nur Betrunkene oder Selbstmörder. Und wie verrückt muss man sein, ohne jegliche Sicherung und auf sich allein gestellt eine 1.000 m hohe Steilwand hochzuklettern? Unbeschreiblich verrückt. Da fehlen einem fast die Worte. Ich würde keine fünf Meter schaffen. Es gibt allerdings Menschen, die davor keine Angst haben und denen man alles attestieren kann, bloß eines nicht: normal zu sein. Alex Honnold ist so ein Mensch. Und seine spektakulärste Großtat ist die Besteigung des El Capitan im Yosemite-Nationalpark (Kalifornien, USA). Honnold hat den Granitfelsen 2017 über eine senkrecht aufragende Steilwand ohne technische Hilfsmittel in lediglich 3 Stunden und 56 Minuten erklommen. Seine Sportart nennt sich "Free Solo" (die Begehung einer Kletterroute im Alleingang unter Verzicht auf Hilfs- und Sicherungsmittel).

Und das Beste daran: Wir können ihm dabei zusehen. Momentan läuft in den Kinos der Film "Free Solo", der Honnolds "Mondlandung des Free-Solo-Kletterns" zeigt. Der 100 Minuten lange Streifen wurde 2019 in der Kategorie "Beste Dokumentation" mit dem Oscar ausgezeichnet. Vollkommen zu Recht. Ich habe noch nie eine Dokumentation gesehen, die den Zuschauer so mitnimmt. Und selten einen Film, der bis zum Schluss so spannend ist, obgleich man ja weiß, dass Honnold das Ganze glücklicherweise überlebt hat. Doch den schieren Wahnsinn auf der Leinwand mitzuverfolgen, lässt einen das schnell vergessen. Man bibbert buchstäblich vor Angst, wenn man die spektakulären Bilder sieht. Der Mensch so klein, der Fels so groß, die Wand so steil, der Abgrund so tief. Selbst ein Kameramann der Filmcrew konnte während den Aufnahmen nicht mehr länger zusehen und hat sich entnervt abgewandt. Alle wundern sich, wie ein Mensch ohne herunterzufallen diese furchteinflößende Steilwand hochklettern kann. Bei einem Gecko würde man gelangweilt abwinken, aber bei einem Homo sapiens, dessen Hände und Füße nicht über die legendäre Haftfähigkeit der Geckos verfügen, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie findet der da bloß Halt? Unglaublich.

Honnold scheint das Ganze trotz der Lebensgefahr, der er ausgesetzt ist, eher locker zu nehmen. Doch stets ist ihm bewusst, wie nah er am Tod entlangbalanciert. Beim Free Solo darf man sich keinen einzigen Fehler erlauben. Honnold ist keineswegs leichtsinnig, sondern bereitet sich akribisch auf seine Aufgabe vor. Aber man fragt sich unwillkürlich: Wie alt werden Menschen, die sich keinen einzigen Fehler erlauben können? Keinen Fehlgriff, kein Abrutschen, keine Unkonzentriertheit. Wahnsinn! Die Kinozuschauer sind jedenfalls fasziniert und stehen von Beginn an unter Strom. Alle wirken, obwohl bequem im Kinosessel sitzend, extrem angespannt. Adrenalin pur. Ein Gefühl, das lange anhält. Auch noch, nachdem man das Kino schon längst verlassen hat. Angesichts dessen, was man gerade auf der Leinwand gesehen hat, macht sich Fassungslosigkeit und zugleich Begeisterung breit. Glauben Sie mir, ein Hitchcock-Krimi ist wesentlich leichter zu verkraften. Die atemberaubende Dokumentation ist auch für Menschen, die mit dem Klettern recht wenig am Hut haben, zu empfehlen. Am Ende wundert man sich: Oh, ist der Film schon vorbei? 100 Minuten, in denen es garantiert nie langweilig wird. Mein Rat: Gehen Sie rein, Sie werden es nicht bereuen. Absolute Spitzenklasse.