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13. Mai 2019, von Michael Schöfer
Das vermeintliche Volksauto


Der "E.go"soll das Volksauto der Zukunft werden, so sieht das zumindest der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet. Der "E.go" ist im Vergleich zu vielen anderen Elektroautos sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Will heißen: In Richtung Vernunft, denn es macht schlicht und ergreifend keinen Sinn, ein Elektroauto als SUV zu konzipieren. Leicht sollen sie sein und nicht allzu schnell. Mit - je nach Ausführung - 1150 bis 1210 kg (inkl. Batterie) ist der "E.go" deutlich leichter als andere, und mit 112 bis 142 km/h fährt man mit ihm vergleichsweise gemächlich dahin. Ideal für den Stadtverkehr, sagt Laschet. [1] Obendrein ist er sogar preiswerter.

Ob der "E.go" trotz dieser Vorteile zum Volksauto wird, muss dennoch bezweifelt werden, weil er wie andere Elektroautos ein entscheidendes Handikap besitzt: die langen Ladezeiten. Mit einem Schuko-Stecker betragen sie an der haushaltsüblichen Steckdose (230 V) 5,4 bis 9,8 Stunden, mithilfe eines Typ 2-Steckers an einer leistungsfähigeren Ladesäule immerhin noch 3,8 bis 6,9 Stunden. Gerade in den Städten, in denen die meisten Autofahrer keine eigene Garage haben, ist das absolut inakzeptabel. Da die Reichweite des "E.go" bloß 100 bis 145 km beträgt, sind die Ladezeiten deutlich länger als die reinen Fahrtzeiten. Ob die Autofahrer ihrem Fahrzeug an der Elektrotankstelle so lange Gesellschaft leisten?

Kein Wunder, wenn von den 310.715 im April 2019 neu zugelassenen Pkw lediglich 4.768 reine Elektroautos waren (= 1,5 %). [2] Die Elektromobilität steht und fällt mit der Infrastruktur. Und in diesem Fall sind das die Ladesäulen in Wohnortnähe. Zum Volksauto entwickeln sich Elektroautos nämlich erst dann, wenn sie über Nacht quasi vor der Haustür aufgeladen werden können. Allerdings bedarf es dazu gewaltiger Investitionen und entsprechender Finanzmittel. Woher die kommen sollen und wie das Ganze dann technisch umgesetzt werden kann, ist einstweilen noch offen.

Ketzerisch gefragt: Brauchen wir in den Städten überhaupt ein Auto? Müsste man nicht vielmehr auf den massiven Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) setzen, ergänzt durch attraktive Carsharing-Angebote? Angesichts der besorgniserregenden Nachrichten über den rasch fortschreitenden Klimawandel und das dramatisch zunehmende Artensterben werden wir uns ohnehin zwangsläufig an einen tiefgreifenden Wandel unseres Lebensstil gewöhnen müssen. Stärker, als wir uns das noch vor kurzem vorstellen konnten. Man soll nichts beschreien, aber wenn wir wie gewohnt weitermachen, lässt sich die Zukunft des Homo sapiens in einem einzigen Wort zusammenfassen: Kollaps.

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[1] FAZ.Net vom 09.05.2019
[2] Kraftfahrtbundesamt, Pressemitteilung Nr. 10/2019 vom 03.05.2019