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06. Oktober 2019, von Michael Schöfer
Sind wir mittlerweile alle Zombies?


Bürger sollten ihr Land lieben und dafür notfalls ihr Leben hingeben. So vernahm man es lange Zeit aus den Mündern der von übersteigertem Patriotismus vernebelten Nationalisten. Manche wandten zaghaft ein, der Staat sei doch für den Bürger da, nicht umgekehrt. Und hey, sie hatten vollkommen recht. "Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!", pflegte ein gewisser Gustav Heinemann zu entgegnen, als man ihn fragte, ob er denn sein Land auch liebe. (Hinweis für die Nachgeborenen: Heinemann brachte es mit dieser subversiven Einstellung bis zum Bundespräsidenten.)

Achtung, liebe Leserinnen und Leser, jetzt folgt ein gewagter, weil etwas weit hergeholter Gedankensprung: So ähnlich ergeht es uns mit dem gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wir sollen es lieben und dafür tagtäglich unsere kostbare Freizeit opfern, zumindest erwarten das die Programmverantwortlichen. Aber in der Realität fällt das zunehmend schwerer. Inzwischen frage ich mich ernsthaft: Sind wir für das öffentlich-rechtlichen Fernsehen da oder umgekehrt? Unerhört, gell? Die Streitfrage harrt noch der Aufklärung. (Vorsorglicher Hinweis: Mit dieser absonderlichen Einstellung werde ich es bestimmt nie bis zum Bundespräsidenten bringen.)

Nehmen wir als Beispiel den ehedem äußerst beliebten Samstagabend-Film. Ich kann mich erinnern, dass der früher so gegen 22.30 Uhr nach dem "Wort zum Sonntag" begann. Letzteres war übrigens die einzige Predigt, die wir uns für gewöhnlich noch anhörten. (Mit Ausnahme der unvermeidlichen Gardinenpredigt unserer Eltern.) In der guten alten Zeit war es so: Rentner saßen in Erwartung des ewigen Lebens in der Kirche, die anderen in Erwartung des Samstagabend-Films vor der Flimmerkiste. Das ist heute noch immer so, bloß werden inzwischen nicht nur die Rentner enttäuscht. Zwangsläufige Folge: Die Kirchen leeren sich, aber auch vor der Flimmerkiste sitzen nächtens immer weniger Gebührenzahler beisammen.

Das überrascht mich kaum, denn der Samstagabend-Film ist unversehens zeitlich nach hinten gerutscht. Beispiel gefällig? Der Film "Eine offene Rechnung" (Ausstrahlung 05.10.2019) wurde von den Hörzu-Kritikern als "großartig" gelobt, weil er raffiniert zwischen den Zeitebenen wechsle. So lautete jedenfalls deren Ankündigung. Hätt' ich gerne gesehen, hab' ich aber nicht, denn er begann erst um 23:40 Uhr und lief bis 1:25 Uhr. Kleiner Trost: Wer ihn Samstagabend verpasst hat, kann sich freuen, denn der Film wird Sonntagnacht um 3:05 Uhr wiederholt und ist bereits um 4:50 Uhr zu Ende. Rechtzeitig genug, um anschließend zu duschen und völlig übermüdet, äh... absolut ausgeruht ins Büro zu gehen. Welcher Chef wird da kein Verständnis zeigen?

Das Gleiche am vorletzten Samstag (28.09.2019): "Ich.Darf.Nicht.Schlafen." - ein angeblich packender Psychothriller mit Nicole Kidman und Colin Firth. Hätt' ich gerne gesehen, hab' ich aber nicht, denn er begann erst um 23:50 Uhr und lief bis 1:15 Uhr. Ich bin schon etwas älter und daher früher müde. Auch samstags. Alternativtermin Sonntagnacht von 02:50 Uhr bis 04:15 Uhr. Kannste also vergessen. Mediathek? Ebenfalls Fehlanzeige! Stattdessen könnte ich mir dort bis zum Erbrechen Schnulzen wie "Sturm der Liebe" oder "Hochzeit in Rom" reinziehen, interessiert mich aber nicht. Gelegentlich neige ich der These zu, dass Fernsehkonsum unausweichlich zur Verdummung führt. Und wenn ich vom Programm auf die Zuschauer schließe… Ach, lassen wir das.

Die späten Sendetermine gehen mir gehörig auf den Keks. Ja, sind wir denn inzwischen alle zu Zombies geworden, die nachts vor der Flimmerkiste sitzen und tagsüber schlafen? Ich mache mir mittlerweile echt Sorgen, ob ich überhaupt noch repräsentativ für den Normalbürger bin. Offenkundig nicht. Wer geht denn bitteschön überhaupt noch arbeiten und erwirtschaftet die Fernsehgebühren? Außer mir, meine ich.

Das ZDF beglückt uns Samstagabend um 20:15 Uhr mit dem "Quiz-Champion" und Johannes B. Kerner. Wusste gar nicht, dass es den noch gibt, man erlebt eben immer wieder Überraschungen. Die ARD serviert uns zeitgleich "Wer weiß denn sowas XXL? Das unvorstellbare Wissensquiz mit Kai Pflaume". Saßen bei Kai Pflaume wenigstens noch 5,08 Mio. Zuschauer vor der Kiste, waren es bei "Ich.Darf.Nicht.Schlafen." magere 0,76 Mio. Und bei "Eine offene Rechnung" lediglich 0,67 Mio. So versemmeln die Programmverantwortlichen unsere Gebühren. Denen haben sie doch, Verzeihung, ins Gehirn …

Kein Wunder, wenn vor allem die Jüngeren mehr und mehr dazu übergehen, das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu verlassen und zu Streamingdiensten (Netflix & Co.) zu wechseln, dort können sie die Inhalte ansehen so oft sie wollen und wann immer sie wollen. Streamingdienste sind sogar billiger, bei Netflix kostet das Basis-Abo 7,99 Euro pro Monat und das Premium-Abo 15,99 Euro. Zum Vergleich: Der Beitrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kostet 17,50 Euro. Und Letzterer wird uns auch noch aufgezwungen, weil er - unabhängig von der tatsächlichen Nutzung - von jedem Haushalt zu zahlen ist.

Nicht missverstehen: Ich halte die Öffentlich-Rechtlichen durchaus für notwendig, werde freilich mit dem, was sie mit unseren Gebühren anfangen, immer unzufriedener. Ich sag mal: zu wenig Kundenorientierung. Präziser: zu wenig Rücksicht auf alte Säcke wie mich, die nachts ihren Schlaf brauchen. Wie bitte? Was sagen Sie? Ja, ja, wenn ich mich mal zum Zombie entwickelt haben sollte, sage ich Bescheid. Auch bei der GEZ. Die hat sich übrigens zwischenzeitig in "Beitragsservice" umbenannt. Im Erfinden von Worthülsen sind sie neuerdings offenbar recht kreativ. Schade, dass das auf das Programm nicht zutrifft.